annelisezwez.ch Bis 14.11.1999
Immer war er eine wichtige Figur der Aargauer und Luzerner Kunstszene; gross
in Erscheinung, engagiert im Wort und doch nie richtig greifbar: Der in
Birrwil lebende Charles Moser (1953). Nun zeigt das Kunstmuseum Luzern rund
450 Zeichnungen von 1969 bis 1999; eine Trouvaille.
Ulrich Look, Direktor des Kunstmuseums Luzern, aber gewiss kein Insider
was die 70er Jahre in der Schweiz betrifft, kommt das Verdienst zu, den
Aargauer Künstler Charles Moser dazu verführt zu haben, seine
in Schachteln sorgsam geordneten Zeichnungen zum ersten Mal in grösserem
Umfang auszubreiten. In einer fast geschlossenen Vitrinen-Installation ist
das "Buch mit sieben Siegeln" ausgebreitet: Kleinformatige, skizzenartige
Zeichnungen, die Denkvorgänge, Hirngespinste, Ideen und Utopien zeichnerisch,
selten malerisch, festhalten; ein manieristischer Geist bildnerischer Fantasie
durchzieht die puzzleartige - teils chronologische, teils thematische -
Auslage.
Es wäre nun ein Leichtes zu sagen, der Aargau habe versagt, wichtiges,
künstlerisches Schaffen totgeschwiegen usw. So einfach ist das indes
nicht. Zwar klang da ein Unterton mit, als Charles Moser im Gespräch
sagte, Heiny Widmer habe ihnen (gemeint ist die Aarauer Ziegelrain-Szene
und ihr Umfeld) seinerzeit gesagt, sie sollten in ihre Ateliers gehen und
bessere Kunst machen. Zweifellos eine subjektive Erinnerung, die allerdings
ihre Faktenlage darin hat, dass der frühere Aargauer Kunsthauskonservator
bei allem Engagement für die in den späten 60er Jahren aufbrechende
Aargauer Kunstzsene, die Künstler des "Ziegelrains" nie gezeigt
hat.
Der "Fall Charles Moser" ist im Kontext des "Falls Aargau"
zu sehen: Der wichtige und künstlerisch ausserordentliche Aufbruch
junger Kunstschaffender in den 60er Jahren, der dem Aargau unter anderem
eines der bis heute besten Kulturgesetze der Schweiz brachte, fand nie nationales
Gehör. Seine Exponenten wurden im Rahmen der "Innerschweizer Innerlichkeit"
rezipiert und sind, mit wenigen Ausnahmen und so weit sie in der Region
blieben, Insider-Künstler geworden, wichtige Figuren ohne extravertierten
Bekanntheitsgrad. Die Künstler haben auch nicht darum gekämpft,
sondern den dornröschenhaften, typisch aargauischen Understatement-Weg
vorgezogen. Der spöttische Spruch vom Aargauer Untertanensyndrom ist
nicht aus der Luft gegriffen.
Charles Moser ist seit den frühen 80er Jahren Lehrer an der Schule
für Gestaltung in Luzern; er hat Hunderte von jungen Kunstschaffenden
massgeblich mitgeprägt; wer mit Studenten spricht, hört das aus
ihren Aeusserungen. Als Künstler hat Moser indes nicht einmal den Insider-Weg
gewählt, sondern fast schon den eines Privatiers. Und so konnte wahrscheinlich
nur ein Unbelasteter wie Ulrich Look den Künstler aus seinem Versteck
holen.
Damit ist allerdings Looks Leistung auch schon zu Ende. Denn der Katalogtext
ist für Insider ein bisschen haarsträubend. Von "glückhaftem
Fund" ist da nicht die Rede, sondern von einem Werk, das quasi beiläufig
enstand, aber immerhin geschaffen sei und darum im Rahmen des "Zwischen-Raums"
- Luzern wartet ja immer noch auf die Eröffnung seiner Räume im
Nouvel-Bau - sinnvollerweise gezeigt werde. Der wichtigste und offensichtlichste
Bezugskünstler, nämlich André Thomkins, wird im Text nicht
einmal erwähnt. Auch das Moment des Daseins und gleichzeitig Nichtdaseins,
das so charakteristisch ist für Moser, findet kein Echo. Fazit: Look
hat den Schatz gehoben; nun ist es am Aargau ihn zu bearbeiten.
Die Zeichnungen werden in Luzern richtigerweise in sehr unprätentiöser
Art und Weise, einem Buch gleich, gezeigt. Das Lesen entspricht auch der
Arbeitsweise, geht es in vielen Zeichnungen doch um ein bildhaftes Formulieren
von Gedanken, oft um das Phänomen des Denkens an sich, quasi das Bild
zum Vorgang im Innern. Mit Recht hebt Ulrich Look in diesem Themenbereich
die "Gletschermühlen" hervor - Zeichnungen des Schädels
mit Kugeln in den Vertiefungen, die mahlen und mahlen. Da gibt es aber auch
geradezu barocke Denk-Maschinen respektive Gedanken-Rhizome. Ort der Auseinandersetzung
ist vielfach der Körper und seine Funktionen, seine Wahrnehmung, seine
Fähigkeit, denkend Dinge lustvoll zu verwandeln.
Die Mehrheit der Zeichnungen entstand in den 70er Jahren als die "Mentalität
Zeichnung" in Form von visualisierten Denkprozessen nachhaltig rezpiert
wurden. Charles Moser mit Jahrgang 1953 war in dieser Zeit noch sehr jung
- von Hugo Suter zum Beispiel trennen ihn 10 Jahre. Es mag sein, dass man
seinem, der älteren Generation durchaus gleichwertigen, Schaffen darum
die nötige Beachtung versagte und damit die Zukunft programmierte.
Jedenfalls findet es Moser spannender, auf Abenteuerreise zu gehen und später
hinter den Kulissen aktiv zu sein. Mit anderen Worten: Künstler nicht
als Produzent von Werken zu verstehen, sondern im Sinne Beuys', den er -
wie viele andere - 1972 in Kassel kennenlernte, als kreativen Lebensentwurf,
der sich in Zeichnungen, aber auch - nicht zu unterschätzen - in Videos
und Kunst am Bau-Projekten spiegelt.