Die neuen Bilder der Luzerner Malerin Irma Ineichen (geb. 1929) zeichnen
sich durch eine immer stärkere Reduktion des Erzählerischen aus.
Monochrome Felder bilden farbige Räume, lichtbetonte Zonen . Immer
wieder stellt die Künstlerin bei Elisabeth Staffelbach im alten Bahnhof
in Lenzburg aus.
"Irma Ineichen" - so schreibt Doris Fässler im neuen Lexikon
der Schweizer Kunst - "war in den 70er Jahren eine der wichtigsten
Vertreterinnen der von Jean Christophe Ammann propagierten Innerschweizer
Innerlichkeit ... Symbole wie Wasser, Turm und Tisch haben archetypischen
Charakter und werden bewusst in die traumartige Bildwelt integriert".
In gewissem Sinn ist Irma Ineichen diese Malerin geblieben - in der Zentralschweiz
und bis in den Aargau eine der grossen Stillen dieser Zeit, in der übrigen
Schweiz und im Ausland jedoch fast nur Insidern bekannt.
Wenn auch die neuen Bilder, die im Nachgang zu zwei Reisen nach Japan entstanden
sind, nurmehr selten den fremd-nahen Charakter eines Traumes haben, so hat
die Malerei der in Luzern und Paris arbeitenden Künstlerin doch ihre
Grundthemen bewahrt. Es geht um das subtile Setzen von Farbflächen,
die Räume jenseits von Architektur und Alltag beschreiben.
Schon immer, so sagt Irma Ineichen, sei ihr die Farbe und somit die Malerei
sehr wichtig gewesen, doch in der Rezeption sei meist vom Erzählbaren
die Rede gewesen. Nun habe sich das geändert, da fast nur noch die
Farbe "erzähle". Die Farben haben sich seit den 80er Jahren
kaum verändert, nur nimmt man das zum Rot tendierende Lachs, das mit
Grau leicht abgetönte Blau, das gleichwertige, helle Grün, das
satte,leuchtende Gelb nun ganz anders wahr, da sie zu abstrakten Trägern
der Bildkomposition geworden sind. Dabei geht es der Künstlerin ganz
offensichtlich nicht darum, die Farben zu einem Gesamtklang zu verschmelzen,
sondern vielmehr die verschiedenen Töne autonom nebeneinander zu stellen.
Zusammen mit der auf Tiefenwirkung ausgerichteten Komposition ergeben sich
so architekturnahe Momente; Räume, die sich hintereinander öffnen
respektive schliessen.
Es ist das über warme Farben ins Bild hinein geführt Werden, das
den für die Bildbeziehung massgebenden Eindruck des Verlassens der
Realwelt auslöst. Man kann es das japanische Moment nennen. ( Wie die
aktuelle Ausstellung "Japandorf" im Kunstmuseum Thun zeigt, ist
es den jungen, japanischen Kunstschaffenden auch heute noch ein Anliegen,
über Form und Farbe ein Gefühl der Ueberhöhung zu erreichen.)
Gleichzeitig ist dieses schwebende Moment aber auch die Rückbindung
an den Traum, der Spannungsbogen zurück zur "Innerschweizer Innerlichkeit".
Diese gänzlich auf monochrome Felder reduzierten Bilder sind die radikalsten
in der Lenzburger Ausstellung. Daneben gibt es viele Zwischentöne;
Bilder, die im Zentrum letzte Reste erzählerischer Strukturen - die
Andeutung eines Waldes zum Beispiel - zeigen, sind ebenso häufig. Zuweilen
sind sogar die aus früheren Bildern bekannten "fliegenden Teppiche",
die "Tische", "Inseln" "Flüsse" und "Alleen"
angedeutet oder gar ins Zentrum gerückt.
Was die Bilder über das bereits Formulierte hinaus zusammenhält,
ist so etwas wie "Langsamkeit", ein sanfter Zwang inne zu halten.
Man kann nicht durch die Bild-Räume rennen; die Farben sind nicht als
Flucht, als Sog angelegt, sondern als Räume, die im Schauen zu durchschreiten
zumindest die Länge eines Atems einfordert.