www.annelisezwez.ch Bis 05.09.1999
Nur ein Jahr nach ihrem Auftritt im Kunstmuseum Thun überrascht die
Berner Künstlerin Beatrix Sitter-Liver mit einer spannend inszenierten
Ausstellung in der riesigen Abbatiale de Bellelay im Berner Jura. Es ist das Füllhorn der Naturgeheimnisse, das die Berner Künstlerin
Beatrix Sitter-Liver zu immer neuen Werken antreibt. Ob sie Reisig als Pinsel
für Tuschzeichnungen einsetzt, ob sie Sternkarten in nächtliche
Himmelsbilder wandelt, ob sie Naturhaftes, Körperliches in Objekten,
Malerei oder Fotografie darstellt, immer lässt sie Präzision und
Tanz ineinanderfliessen. Und dies mit einer stupenden, handwerklichen Sicherheit.
Das Nüchterne des Wissenschaftlichen ist ihr Inspiration für eine
bildnerisch-aesthetische Choreographie ohne Grenzen.
Das Tänzerische, Grosszügige, Raumfüllende ihrer Arbeiten
kommt in der immensen Architektur der barocken Abbatiale de Bellelay wie
nie zuvor zum Ausdruck. Jeden Sommer findet in der 1956/60 aus dem Dornröschenschlaf
erweckten Klosterkirche von 1714 eine Ausstellung statt; räumlich oft
unbefriedigend inszeniert. Man erinnere sich zum Beispiel der Stellwand-Retrospektive
von Serge Brignoni 1988. Die Ausstellung von Beatrix Sitter setzt da neue
Masstäbe. In der Vorbereitungszeit habe sie ganz allein in der Kirche
getanzt, sagt die Künstlerin. Diese Raumaneignung spiegelt sich in
der Inszenierung. Die Stellwände sind fast alle versorgt, die Durchgänge
seitlich des Lettners geöffnet. Die gewölbte Stuck-Decke spiegelt
sich in einem grossen, kreuzförmigen Boden-Objekt, das hinter Glas
mit "Sternspielen" auf Papier ausgelegt ist. Himmel, Erde und
Raum begegnen sich.
Auch der Altar ist bodennah; ein Podest mit gefundenen und geformten Dingen
aus der Wunderwelt der Minerale, der Pflanzen und des Körpers. Ueberhöht
von einem im Chor erhalten gebliebenen Himmels-Sgraffito, das sich, der
Unterschiedlichkeit der Weltvorstellungen zum Trotz, in die Ausstellung
einfügt. Umsomehr als sich der jüngste, in feinsten Pastellfarben
gehaltene Bildzyklus der Künstlerin der luftbetonten Atmosphäre
der Verkündigungsszene anzupassen scheint.
Die Motive dieser malerischesten Reihe im vielgestaltigen Werk von Beatrix
Sitter-Liver sind eine Weiterführung der Körperobjekte aus Ton
respektive Wachs. Die Künstlerin hat zunächst Organe in Ton geformt
- Hirn, Herz, Lungen usw.- diese dann in hellgrünen Wachs gekleidet
und anschliessend die Hüllen wieder vereinzelt. Diese fast transparenten,
fragilen Körperfragmente, die schon fast nicht mehr Materie zu sein
scheinen, dienen Beatrix Sitter als "Vorlage" für die jüngsten
hellblau-grünen Leinwandbilder. "Vorlage" ist für sie
indes immer nur Inspiration. So erinnern die in Technik und Gestalt einmal
mehr überraschenden Werke nur noch entfernt an Körperbilder; viel
eher sind sie deren energetische Ausstrahlung, vielleicht sogar deren Aura.
Es verblüfft immer wieder, mit welcher Sicherheit sich Beatrix Sitter
von Technik zu Technik bewegt, eines ins andere überführt, Altes
neu wieder hervorholt und anpasst. Auch die Malerei ist nicht neu; als Malerin
begann sie seinerzeit ihre Künstlerinnenlaufbahn. So spannend virtuose
Wandel sind, so sehr beinhalten sie auch die Gefahr der Aesthetisierung.
Aehnliches gilt für Beatrix Sitters Themenbereiche, die immer mit etwas
Verspätung in die Zeit passen; ihr Werk ist unverwechselbar, aber nicht
pionierhaft.