Während im Aargauer Kunsthaus die Neuen Medien nur zögerlich
Einzug halten, wagen wichtige Aargauer Galerien den Schritt in die veränderten
Kunst-Bildwelten der 90er Jahre. Eine überzeugendes Beispiel: Die Ausstellung
von Irene Naef (geb. 1961) und Co Gründler (geb. 1967) in der Galerie
Elisabeth Staffelbach in Lenzburg.
Zu sehen sind zum einen grossformatige Bildmontagen als Inkjet-Prints auf
leinwandähnlichem Gewebe. Zum anderen eine wandfüllende, vertonte
Video-Projektion sowie eine Wind-Klang-Installation auf bemaltem Teppich.
Was die beiden, thematisch sehr unterschiedlichen Werke verbindet, ist der
Einsatz der Neuen Medien als Wege in eine virtuelle Welt.
Virtuell ist ein eher negativ besetztes Schlagwort; zu Unrecht, denn ersetzt
man den Begriff durch "Traum" oder "Vision" wird sein
Inhalt altvertraut. Die Kunst - insbesondere die Malerei und die Zeichnung
- haben schon immer "virtuelle" Welten evoziert. Das Neue und
darum anders Wirkende ist indes, dass die Basis für die Neuen Bilder
das uns vertraute Abbild der Welt ist. Dieses wird, im Zustand digitaler
Codierung, so verändert, dass die Realität in einen Schwebezustand
gerät, der uns den Boden unter den Füssen zu entziehen droht.
Im Fall des Zyklus "Sie standen da, als wollten sie gehen" der
Luzernerin Irene Naef sieht das wie folgt aus: Fasziniert von der Welt des
Theaters, kombiniert die Künstlerin bühnenbildähnliche Situationen
und Kostüme aus verschiedenen Zeitepochen. Das könnte banal sein,
wandelt sich indes durch die Präzision der Wahl. Die "Bühnenbilder"
beruhen auf eigenen oder gefundenen Fotografien; oft sind es Orte, die etwas
mit "Umkleiden" zu tun haben - eine Garderobe, eine Badeanstalt,
ein Waschsalon. Der Kleiderwechsel ist somit zum Vornherein im Bild drin.
Die weiblichen Roben, die Irene Naef via Fotoshop hineinstellt, stammen
nicht aus dem Kostümverleih, sondern aus der Kunstgeschichte. Irene
Naef löscht am Bildschirm die Körperpartien, "hängt"
die Kleider an Bügel und diese wiederum an Haken oder Leinen, die im
"Bühnenbild" vorhanden sind. Damit wird die Logik der Zeit
aufgehoben, gleichzeitig aber die "Virtutalität" der Malerei
(von Ingres, Monet, Bronzino etc.) in eine scheinbare Realität zurückgeführt,
die durch die "Pixel-Malerei" allerdings als mediales Bild gekenntzeichnet
ist.
Dass der Ansatz nicht ein primär konzeptueller ist, sondern sehr viel
mit der Mode-Lust der 90er Jahr-Künstlerin zu tun hat, lässt sich
daran ablesen, dass sie auch eine Installation zeigt, in der ein (ihr) schwarzes
Kleid im (Ventilator)-Wind weht und dies über einem Teppich, den die
Künstlerin durch Uebermalen in Malerei verwandelt hat. Damit schafft
sie zusätzlich Querverbindungen zu anderen Werkgruppen, die das Wandeln
von Realität und Malerei, von Zeit, von Reallife und Rollenspiel in
immer neuen Formen thematisieren.
Die in Zürich lebende Ostschweizerin Co Gründler fiel letzten
Sommer durch eine geradezu betörende Videoinstallation auf, mit welcher
sie das Atrium des Hotels Blume in Baden in eine Volière verwandelte.
Das Träumerische, Schöne, Romantische verbunden mit ebensolchen
Klängen bestimmt das noch junge Schaffen von Co Gründler, das
stimmungsmässig zuweilen an Pipilotti Rist erinnert. War Rist einst
eine "Reine Prochaine", spielte Co Gründler mehrere Jahre
bei den "Acapickels"; die Musikalität der Bildfolgen hier
und dort wurzelt in diesem ähnlichen Werdegang.
In der Videoarbeit "Heavenly" zeigt Gründler eine farbintensivierte
Wolken-Landschaft, die untermalt ist von Kinderstimmen, die "mit den
Wolken fahren", und einer speziell für die Arbeit komponierten
Musik. Dass das schwerelosen Fliegen an die kosmischen Traumlandschaften
von Albert Trachsel ( 1863 - 1929) erinnert, weist unverhofft auf Verbindungen
zwischen dem Symbolismus des frühen und den Entmaterialisierungs-Visionen
des späten 20. Jahrhunderts.
Mi - Fr 14 - 18, Sa/So 13 - 16 Uhr.