Pipilotti Rist in der Kunsthalle Zürich 1999
Himalaya Goldsteins Felsentanz am Feuertisch
www.annelisezwez.ch März 1999
Pipilotti Rists Videoprojektionen sind dann ausserordentlich, wenn sie einem
einsaugen und nicht loslassen. Die Ausstellung in der Kunsthalle Zürich
hingegen weckt da und dort den Wunsch zu fliehen.
Der Rundgang durch "Himalaya Goldsteins Remake of a Weekend à
la zurichoise" hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck.
Zum einen ist die Ausstellung ein verblüffender Spiegel der Schwierigkeiten,
welche sich die Künstlerin mit der Uebernahme der Expodirektion aufgehalst
hat. Just in dem Moment als ihre internationale Karriere als Videastin
"explodierte". Zum anderen, und gerade deswegen, ertrinkt die
Qualität in der völlig überstellten Wohnstube, dem Herzstück
der Ausstellung. Das Eigene, Unverkennbare, Fantastische ihrer Bildtechnik
ist zwar da, aber eingepfercht in Möbelstücke, projiziert auf
Schnapsflaschen und Sofas. Nirgendwo ist Ruhe.
Frühere Projekte von Pipilotti Rist zeigten einzelne, in sich geschlossene,
bewegte Bildwelten, in denen sich die Meisterin der Video-"Malerei"
mit der romantischen Vision eines sinnlichen Paradieses verschwisterte.
Ohne dabei die Präsenz der "Hölle" zu verneinen, ohne
den Rosen die Dornen zu nehmen.
"Remake of a Weekend" hingegen ist der Versuch einer mehrteiligen
Inszenierung am Beispiel einer Wohnung. Ueber weite Strecken ist die Ausstellung
reale, fiktive - emotionale - Biographie. Sie beginnt mit einem riesigen
Sandhaufen und einem Tücherzelt mit Diaschau, welche die Kinderzeit,
das erste Verliebtsein bis hin zur ersten Ausstellung mit Muda Mathis in
der Kunsthalle St.Gallen 1989 belichtet. Dann der Sprung in die bewegte
Bildwelt des Videos mit "Ever is over all" (1997), der visuell
und emotionell packenden Bilderfolge einer jungen Frau, die im Zeitlupentempo
mit einem Blütenstengel Autoscheiben einschlägt. Die Arbeit gehört
inzwischen dem Museum of Modern Art in New York.
Dem Einkreisen der Lebensspanne von der Sandburg- zur Videowelt folgt das
Badezimmer, die Küche, das Wohn- und das Schlafzimmer. Das Zentrum
ist der Livingroom, der nicht nur mit Lebens-Stücken angefüllt
ist, sondern auch einer Szenerie der aktuellen Kunst entspricht - von der
Postkarte mit dem Jenny-Holzer-Satz "Protect me from what I want"
bis zu Möbeln à la Tobias Rehberger und einer Gesamtinstallation,
die nicht zuletzt an Susanne Walders Ausstellung von 1997 im selben Haus
erinnert. Der mit Projekten und Ideen vollgestopfte Raum ist erdrückend,
lässt die Qualität der zahlreichen, neuen Videos wie "Felsentanz",
"Feuertisch" oder "Atmosphere&Instinct" nicht erkennen.
Die Qualität der Bildkraft ertrinkt im Meer der von einem grossen Mitarbeiterstab
gestalteten Installation. Der Vergleich mit der Neuenburger "Cuisine"
einerseits, der Bedrängtheit des künstlerischen Ausdrucks andererseits,
liegt nahe.
Als Besucherin hat man schliesslich dasselbe Bedürfnis wie Pipilotti
Rist selbst, nämlich zu fliehen respektive ins Schlafzimmer zu wechseln,
wo einem eine nahezu schwarz-weisse, nächtliche Situation begegnet,
in der Ohr, Hand, Fuss, Brust, Penis, Mund als Fragmente im Raum schweben
und Traum, Körpernähe, Schlaf evozieren.
Noch kann man nicht sagen, wohin sich Pipilotti Rist nach den einschneidenden
Erlebnissen der letzten Zeit künstlerisch weiterentwickeln wird. Aber
irgendwie wird man den Verdacht nicht los, die Künstlerin habe - anders
und nicht unähnlich wie vor ihr Cindy Sherman – etwas von ihrem Traum,
"die Unverblümtheit der Unschuld immer wieder zu erlangen"
verloren: "Glauben sie jedes Wort gelogen wie gedruckt".
Eindringlicher als die Ausstellung selbst ist der Katalog. Zwar ist er –
wie die gezeigten Projekte auch - über weite Strecken ein "Remix".
Doch gerade dieses prozesshaften Weitertreiben von Bildern ist eine der
ganz grossen Stärken der Künstlerin. Der Katalog, zu dem auch
eine Audio-CD gehört, ist darum wesentlich mehr als eine Dokumentation:
Eine Bild-Denk-Welt der sehr persönlichen Art.
Katalog: 57 Franken.