Paris hat nach 27 Monaten Renovation und Umbau "sein" Centre Pompidou
wieder. 44 Millionen Schweizerfranken kostete die Erneuerung des 1977 eröffneten
Röhrenbaus von Renzo Piano. Gut hat der italienische Stararchitekt
seine Pläne für das neue Klee-Museum in Bern bereits zum Wohlgefallen
aller präsentiert. Denn ob alt oder renoviert ­p; das den Boom umfunktionierter
Industriebauten künstlich vorwegnehmende Centre Pompidou ist auch heute
noch ein städtebaulicher Fremdkörper im Zentrum der Stadt. Das
freilich vergisst man, sobald man im Innern ist. Riesig und luftig ist das
neugestaltete Parterre; es ist funktioneller Knotenpunkt der Vielfalt des
Hauses, das ­p; die Zeichen der Zeit wahrnehmend ­p; interdisziplinäre
Forschungsstätte für Kunst, Architektur, Design, Film und Musik
des 20. Jahrhunderts ist.
Die grundlegendste Erneuerung des Centre betrifft das Nationalmuseum für
moderne und zeitgenössische Kunst, das MNAM/CCI. Dank der Auslagerung
der Verwaltung verfügt es neu über 14'000 m2 Fläche; das
sind 4'500 m2 mehr als zuvor. Auf zwei integralen Stockwerken kann so die
gesamte Entwicklung der Kunst des 20. Jahrhunderts in einem einzigen Parcours
gezeigt werden. Das Museum sieht sich ­p; typisch französischen
Ambitionen folgend ­p; damit als europäisches Gegenstück zum
amerikanischen Museum of Modern Art in New York. 1'400 kleine und grosse
Werke (aus einem Gesamtfundus von 44'000 Arbeiten) spannen den Bogen von
Douanier Rousseaus "La guerre" von 1894 bis Douglas Gordons überraschend
subtilem Video Feature des Dirigenten James Colon (1998). Welch ein Jahrhundert!
Schon seit 1992 sucht das 1947 als zeitgeschichtliche Fortsetzung des Louvre
gegründete MNAM/CCI die Verbindung von Kunst, Architektur und Design
als drei parallele Gestaltungsrichtungen des Jahrhunderts. In der Neukonzeption
des Museums durch Werner Spies, den aktuellen Direktor des Centre, ist dieser
Strang - noch weitergehend als im MOMA in New York - ab den 30er Jahren
als Gleichzeitigkeit konzipiert. Das heisst die Besucher werden im netzartigen
Ablauf der Räume stationenweise durch die Entwicklungen in Malerei,
Skulptur, Architektur, Möbel- und später auch Gegenstandsdesign
geführt. Noch ist das ungewohnt und man empfindet es als Wechselbad.
Vielleicht hat Paris auch die richtige Form dafür nicht gefunden. Doch
die Ängste der bildenden Künstler, sie könnten dadurch vom
Sockel ihrer Ausserordentlichkeit gestossen werden, sind wohl unbegründet
- eher werden die Architekten und Designer auf den Piédestal gehoben.
Der Markt will nicht Abwertung, sondern Aufwertung!
In gewissem Sinn paradox ist, dass die naheliegendsten Verknüpfungen
zwischen Architektur und Kunst, der Bereich des Konstruktiven von der russischen
Avantgarde der 10er Jahre über die Konkreten der 30er zur Minimal Art
Generation der 60er Jahre, gerade in Frankreich nicht sehr beliebt ist und
somit der am schwächsten ausgebildete Strang innerhalb des gezeigten
Parcours von Kubismus bis Multimedia. Wie anders wäre hier doch derselbe
Ansatz in einem analogen Museum in der Schweiz, sei es in Zürich oder
in Genf. Paris reicht, um die Schweizer Konkreten darzustellen, ein einziger
Max Bill und für die amerikanische Minimal Art ein einziger Frank Stella.
Nun wären allerdings zwei Schlussfolgerungen falsch, nämlich,
dass es die Schweiz in Paris nicht gibt und dass die Optik des Museums einseitig
französisch wäre. Gleich zu Beginn wird man fast ein bisschen
chauvinistisch, denn den Einstieg in den Zeitenlauf markiert eine wandfüllende,
bewegliche Räderskulptur von Jean Tinguely. Und gleich danach steht
man vor Ben Vautiers "Kunst-Kiosk", der gleichsam auf spielerische
Weise die Reflektionen zur Kunst des 20. Jahrhunderts spiegelt: "Je
signe tout", "je suis l'art" steht da etwa in der typischen
Ben-Schrift. An der Aussenwand findet man aber auch ein geradezu symbolisches
Bekenntnis: "En 1958", schreibt Ben, "j'ai le choc Duchamp,
alors pour moi, la peinture est finie, tout est l'art. Je ne pouvais plus
rien jeter, une allumette était aussi belle que la jocande, il fallait
donc tout garder". Zur selben Generation von nachhaltig vertretenen
Schweizer Künstlern zählen auch Daniel Spoerri und Niele Toroni.
Zu den am reichsten gezeigten Künstlern in der Ausstellung überhaupt
gehört Alberto Giacometti, dessen Werk repräsentativ gezeigt wird,
das heisst von der surrealistischen Phase ­p; ein Chef d'oeuvre unter
anderem die wenig bekannte "Table" von 1933 ­p; bis zu den
langen, dünnen Stelenfiguren und den nervigen Porträts, eines
Jean Genet zum Beispiel. Nur am Rand sei in Erinnerung gerufen, dass alle
fünf erwähnten Schweizer Künstler ihre Hauptwerke in Frankreich
geschaffen haben....der Pariser Blick auf die Schweiz ist somit ein durch
und durch französischer.
Dasselbe gilt natürlich auch für Spanien ­p; wen wundert's,
dass zu den Leitfiguren der Ausstellung die beiden Spanier Pablo Picasso
und Juan Mirò gehören. Interessant ist jedoch, dass in diesem
einzigartigen Blick zurück auf das Jahrhundert die Bilder Picassos
nie langweilig werden, dass sich immer wieder neue Bezüge - auch zur
aktuellen Kunst - einstellen, während Miròs luftige Tänze
seltsam "ausgeschaut" wirken. Auch vom grossen Franzosen Henri
Matisse haben eigentlich nur die frühen Arbeiten und die späten
"Papiers découpés" noch heute magnetische Kraft.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Ausstellung zu durchwandern
- wobei für die "Wanderung" am besten zwei Tage vorgesehen
werden. Entweder man sieht sie als Schule der Stile ­p; Kubismus, Expressionismus,
Futurismus, Konstruktivismus, Surrealismus, Informel, Nouveau Réalisme,
Pop Art, Konzept Art, Minimal Art, Land Art usw. ­p; oder man kennt die
Entwicklung in grossen Zügen und sucht nach dem Ueberraschenden, den
Highlights, die der Ausstellung ihr ortsspezifisches Gesicht geben. Zweiteres
ist ergiebiger und spannender.
Vorerst jedoch ein Wort zur Unterteilung der beiden Stockwerke in einen
historischen und einen zeitgenössischen Teil. Die Trennlinie bildet
die Zeit um 1960. Zwei Momente charakterisieren den Wechsel. Zum einen kann
bis zum Informel von einer mehr oder weniger linearen Abfolge von Stilen
gesprochen werden, die, mit Ausnahme von Expressionismus und Konstruktivismus,
sehr stark parisbezogen sind. Spätestens um 1960 verliert jedoch die
französische Metropole ihre Zentrumsfunktion. Die USA werden, nicht
zuletzt dank der europäischen Emigranten, zur führenden Kunst-Nation.
Grossmeister Duchamp zum Beispiel hat sein Hauptwerk in Frankreich geschaffen,
die vermittelnde Theorie dazu ging aber von New York aus um die Welt. Erst
in den 80er Jahren gelingt es Europa - insbesondere Deutschland und Italien
- das Sagen zurückzuholen, um es aber gleich wieder an den heute dominanten
Internationalismus zu verlieren. Nicht zuletzt dank zahlreicher Neuankäufe
unter der Aegide von Werner Spies (er hat in Bern in den 80er Jahren die
grossen Max Ernst- und Andy Warhol-Ausstellungen kuratiert) spiegelt dies
das Museum in seiner Neukonzeption heute deutlich. Es wiederlegt aber auch
die etwas hochnäsige Behauptung, Frankreich habe in der jüngeren
Kunst nichts zu bestellen. Als Beispiel sei die neue Installation von
Annette Messager aus den Jahren 1971/72 erwähnt, die eindrücklich
aufzeigt, dass der feministische Aufbruch der Künstlerinnen zu selbstbewusstem
Schaffen auch in Frankreich ihre Pionierinnen hatte. Messagers "Les
pensionnaires" zeigt in einer ebenso poetischen wie sadistischen Arbeit
das Innenleben eines Mädchenpensionats anhand von Rollenmustern, typisiert
mit den Federkleidern einer Vielzahl von Vögeln.
In der Reflektion fällt eines mehrfach auf: Die Highlights der Ausstellung
sind immer wieder Werke mit vielschichtig-erzählerischem Charakter.
Es ist als würde die blumige Debattierfreude der Franzosen auch in
der bildenden Kunst zum "richtigen" Kauf führen. Als Beispiel
sei ein Hauptwerk Salvador Dalis aus dem Jahre 1931 erwähnt, das als
"partielle Halluzination" eines jungen Don Juan-Pianisten sechs
leuchtende Leninköpfe auf den Tasten eines Flügels zeigt, während
sich auf dem Notenblatt kleine, schwarze Ameisen tummeln. Typisch auch,
dass unter den Amerikanern die zur Monochromie tendierenden, wie etwa Robert
Ryman oder Agnes Martin, praktisch fehlen und auch Mark Rothko nicht mit
seinen besten Werken auftritt, ein Edward Kienholz mit seinen realistischen
Pop Art-Containern von Bars und anderen Lebensräumen aber gewichtigen
Raum einnimmt. Highlight der "surrealistischen Pop Art" ist aber
­p; im selben Kontext ­p; ein "Living Room" der in Europa
viel zu wenig bekannten, zweiten Lebensgefährtin von Max Ernst, Dorothea
Tanning. In ihrem 1 : 1 eingerichteten "Hotel Zimmer Nr. 202"
von 1970, in dem weibliche Soft Sculpture-Figuren aus den Möbeln wachsen
und in die Wände eindringen, kann als ironische Parallele zu den existentiellen
Figurenszenen in der Malerei von Francis Bacon gesehen werden.
Der heutigen Bedeutung der Fotografie in der Kunst wird in Paris Rechnung
getragen, wenn auch die Integration vorläufig noch etwas gekünstelt
wirkt. Dennoch: Die Reihe der unmittelbar und emotional inszenierten Porträts
von Diane Airbus, die für viele jüngeren Fotoschaffende (u.a.
Nan Goldin) Vorbildcharakter haben, ist ein sehr schönes Dokument aus
den 70er Jahren. Die Reihe setzt sich fort mit den bekanntesten Namen wie
Jeff Wall, Andreas Gursky, Thomas Ruff usw. Schön käme hier bei
Gelegenheit eine Hauptwerk der in Paris wohnhaft gewesenen Schweizer Foto-Kunstschaffenden
Hannah Villiger hinzu, doch der Körper inklusive Sexualität ist
als Motiv nicht das, was die Franzosen primär mögen; darum werden
sie es wohl bleiben lassen.
Und vieles mehr
Der sechste Stock des Centre Pompidou ist Wechselausstellungen vorbehalten.
Und was für welchen! Noch bis Ende Februar ist daselbst "La jour
de fête" zu sehen - eine über weite Strecken lustvolle,
oft ironisch angeheizte 90er-Jahr-Kunst-Ausstellung, die deutlich macht,
dass es auch in Frankreich eine lebendige Multimedia-Szene gibt. Mit dabei
Philippe Ramette, dessen Sockel mit leerer Kupfertafel auf der Rondelle
vor dem Volkshaus in Biel schon vor einiger Zeit den Startschuss zu "Transfert",
der 10. Bieler Plastikausstellung gab. Und mit dabei auch Philippe Mayaux;
unter anderem mit dem Vorhangbild "Non, pas comme ça",
das 1995 der "heissen" Ausstellung im CAN in Neuenburg den Titel
gab. Von ganz besonderer Rafinesse, die humorvolle Video-Multimedia-Arbeit
von Pierrick Sorin, welche die Nöte einer Video-Figur zeigt, die mit
der Hardware der Realität zu kommunizieren versucht.
Wesentlich anspruchsvoller und umfassender ist die zweite Wechselausstellung:
"Le Temps, vite" ( bis 17. April). In einem 35'000 Jahre umspannenden
Bogen wird das Thema der Zeit in Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft abgehandelt.
Mit grossartigen Objekten, präzisen Werken und einer wissenschaftlichen
Sorgfalt, die ihresgleichen sucht. Selbstverständlich spielen auch
Biel und Grenchen darin eine Rolle. Im Kapitel "Zeitmessung" ist
die erste elektronische Uhr fürs Handgelenk, die "Accutron"
der Bieler Firma Bulova sehen und dann die flachste Handgelenk-Uhr, von
Omega, und natürlich die erste Swatch, hergestellt in der ETA SA
in Grenchen. Die Spektrum ist enorm - die Sterne werden befragt, nach der
Arbeitszeit, der Freizeit, der Klang-Zeit, der Transport-Zeit gefragt usw.
Und das alles, obwohl das Thema nach dem Milleniumswechsel quasi ausgereizt
scheint, spannend von A bis Z, industriell ebenso wie künstlerisch,
sei es bildend, musikalisch oder literarisch (ein Schauspieler liest Marcel
Prousts " A la recherche du temps perdu" integral). Spannend ist
die Ausstellung übrigens auch für Ausstellungsmacher. Denn mit
einem zwar viel zu eng geratenen, aber nichtsdestotrotz raffinierten Zellenbau
aus halbtransprentem Kunststoff und einer ausgeklügelten Lichtführung
gelingt den Veranstaltern eine Inszenierung, die sowohl die Präsentation
von Bilder, Zeichnungen und Objekten ermöglicht wie die Projektion
von Videos ohne spezielle "Black Boxes".
Daten und Fakten
Das Centre Pompidou ist täglich, ausser Dienstag, von 11 bis 21 Uhr
geöffnet.
Ein reiches Veranstaltungsangebot mit Musik, Film, Theater, Vorträgen
etc. ergänzt die Museumspräsentation.