Ana Axpe und Hubbard/Birchler im Centre d'art Neuchâtel (CAN) 1999
Widersprüche in spannenden Bildern
Ana Axpe und Hubbard/Birchler im Centre d'art Neuchâtel (CAN) 28.03.1999
Mit der Ausstellungsreihe "NB" trifft das Bundesamt für Kultur
(BAK) zwei Fliegen auf einen Streich. Es fördert junge Kunstschaffende
und propagiert seine Ateliers in New York und Berlin (NB).
Viele Kantone und Städte verfügen heute über Ateliers in
Paris, New York, Berlin, Kairo, Brüssel, Prag usw., die sie in Form
von Stipendien an Kunstschaffende vergeben. Niemand verquickt indes Förderung
und Manifestation von Leistung so geschickt wie der Bund. Seit drei Jahren
ermöglicht (und finanziert) er den Rückkehrern eine Ausstellung
mit Katalog in einer kleineren Schweizer Kunsthalle. Die medialen "Katastrophen"
von Christoph Draeger und das Vergangenheit in Gegenwart katapultierende
Künstlerpaar Biefer/Zgraggen war letztes Jahr im "Palazzo"
in Liestal zu Gast. Nun sind neue Werke der in Genf lebende Brasilianerin
spanischer Abkunft Ana Axpe und das irisch-schweizerische Künstlerpaar
Teresa Hubbard und Alexander Birchler im Centre d'art Neuchâtel (CAN)
zu sehen.
Bereits vielbeachtet
Dass dies schon die zweite "NB"-Ausstellung des BAK im CAN ist,
stellt zwar die Frage, wie weit die Freundschaft eines Departementssekretärs
und eines Konservators gehen darf, rüttelt aber nicht an der künstlerischen
Qualität der Ausstellung. Die 30jährige Foto- und Videokünstlerin
Ana Axpe ist seit langem Vorzeige-Künstlerin des BAK. Seit 1995 hat
sie drei Eidgenössische Stipendien sowie das New York-Atelier erhalten.
Medium, Qualität, und in der Schweiz lebende Ausländerin - da
verband sich für die Eidgenössische Kunstkommission Kunst und
politische Strategie geradezu ideal. Das primär mit Fotografie arbeitende
Basler Paar Hubbard und Birchler (geb. 1965/1962) arbeitet seit 1990 zusammen
und gehört ebenfalls zu den bereits international beachteten jungen
Schweizer Kunstschaffenden. Dass sie erst 1997 erstmals ein Eidgenössisches
Stipendium erhielten, hängt damit zusammen, dass sie sich früher
gar nie darum bewarben; weitere werden aber sicherlich folgen.
Partizipationskunst
In den neuen Werken von Ana Axpe und Hubbard/Birchler die Einflüsse
New Yorks respektive Berlins zu suchen ist unergiebig. Zwar ist Axpes "Pin
up" – Serie von der enormen Werbe-Präsenz der amerikanischen Kapitale
geprägt und Hubbard Birchlers "Uebergangssituationen" könnten
Berlin spiegeln, doch interessanter sind die grundlegenden, künstlerischen
Anliegen. Wirft man der 90er Jahr Kunst oft vor, sie sei oberflächlich,
so wiederlegen Axpe und Hubbard/Birchler gerade dieses Vorurteil. Engagement
und präzise Analytik prägen beide Werke. Gemeinsam sind ihnen
auch Inszenierungen, Rollenspiele und eine Struktur, die zuweilen mit "Partizipationskunst"
bezeichnet wird. Das heisst eine erzählerische Bildanlage dokumentiert
nicht etwas Gegebenes, sondern im Gegenteil eine Fragestellung. "Zu
welchem Zeitpunkt lässt sich die mentale Störung meiner Mutter
klinisch feststellen?" ist zum Beispiel der Titel einer der in Neuenburg
gezeigten Arbeiten von Ana Axpe.
Keine Antwort
Seit langem befasst sich Ana Axpe mit so Schwierigem wie "Wahrheit",
die sie über Dokumente der Erinnerung so visualisieren sucht; Vaters
Engagement im spanischen Bürgerkrieg, Mutters Einweisung in die Klinik,
aber auch die eigene Erscheinung und ihre Widersprüche. Axpe ist dort
besonders stark, wo sie nicht ausbreitet, sondern verdichtet, zum Beispiel
in einem Video, welches vollflächig das überschminkte Gesicht
eines Pin up Girls zeigt, das am laufenden Band geohrfeigt wird und gleichzeitig
krampfhaft versucht, seine "Contenance" zu halten. Auf die Frage
nach dem "warum" gibt es keine Antwort - die Nähe zu masochistischen
Frauen-Videos der frühen 70er Jahre ist indes sicher nicht Zufall.
Der Blick und der Moment
Das fotografische Schaffen von Hubbard und Birchler ist scheinbar weniger
emotional. Und doch ist es gerade das subtile Aufladen von inszeniertem
Alltag, das die Werke auszeichnet. Die meisten der im CAN gezeigten Fotos
waren 1998 bereits in "Freie Sicht aufs Mittelmeer" im Zürcher
Kunsthaus zu sehen, frühere Arbeiten 1997 im Rahmen von "Nonchalance"
in Biel. Gemeinsam ist ihnen eine geteilte Raum-Situation und ein sichtbares
Anhalten von Zeit. Beides sind Momente, die per se zur Fotografie gehören,
hier aber auch Inhalt sind. Da ist zum Beispiel eine Frau, die eben daran
ist durch ein Fenster ein- oder auszusteigen. Doch in ihrem (für uns
unsichtbaren) Blickfeld scheint etwas zu geschehen, darum hält sie
mitten in der Bewegung inne. Die farbliche, räumliche und proportionale
Klarheit der Aufnahme, die gleichzeitig nichts als Unklarheit zum Ausdruck
bringt, schafft eine enorme Spannung, die zugleich die ausserordentliche
Qualität ist. In "Gregor's Room" treiben die beiden das Aufladen
inszenierten Alltags im Bereich Video voran.
Kleiner Katalog.