www.annelisezwez.ch Bieler Tagblatt März 1999
Lilly Keller gehört zu den Pionierinnen der Kunst von Frauen in der
Schweiz. Seit den 50er Jahren ist die Freundin Meret Oppenheims Teil der
Berner Kunstszene. Die Galerie Schürer in Biel zeigt neue Werke.
Gleichzeitig mit Bernhard Luginbühl ist Lilly Keller dieser Tage 70
Jahre alt geworden. Wie er ist sie seit den 50er/60er Jahren eine markante
Gestalt der Berner Kunstszene. Doch während er sich machtvoll in Szene
zu setzen wusste, vergass man Lilly Keller (zu) oft. Dies obwohl ihr Werk
immens ist, ihre Kreativität unerschöpflich und ihre immer neuen
Impulse bewundernswert sind.
Die angedeutete Verkennung ihres Gesamtwerkes ist frauenspezifisch und gleichzeititig
in ihrem Schaffen angelegt. Als sie in den 50er Jahren ihre "wilde"
Malerei aufgab, um über die Gesetzmässigkeiten von Material und
Technik Grenzen zu spüren, setzte sie auf das "falsche" Pferd,
denn Kunst und textile Struktur schienen für die Kunstfachmänner
nicht vereinbar zu sein. Die Vielschichtigkeit nahm niemand wahr; erst als
sie in den 80er Jahren zum Glas wechselte und skulptural zu arbeiten begann,
fand ihr Werk Eingang in die Diskussion und wurde hin und wieder in nationalem
Kontext gezeigt. Seit einigen Jahren sind räumlich-installative Momente
sehr wichtig und im Vordergrund steht das Material Polyester. Videobänder
zeigen in der Ausstellung die Dimension ihres Schaffens.
Die aktuelle Präsentation gleicht einem Park. Vorherrschend sind modellierte
und leuchtend bemalte Blattformen aus Polyester. Die Nähe zum fantastischen
Naturpark ihrer Lebensumgebung in Monet-Cudrefin klingt an. Bezeichnend
ist, dass die blumenartigen Blätter lange Stengel haben; denn eigentlich
müsste man sie Palmwedeln gleich durch die Stadt tragen, um die Vorstellung
von Lebendigkeit und Kreativität, welche die Künstlerin antreibt,
wirklich zu zeigen. Im Kunstraum eingeschlossen, sind sie nur Zeichen -
getupfte, geäderte, gefleckte oder auch monochrome Symbole für
die Einheit von Kunst, Natur und Leben. So wie es die Zustandsdrucke der
ausgestellten Lithografien zeigen; kein Blatt, das so bleiben darf, wie
es ist, jeder Druckvorgang ist Wandlung, Erneuerung, Temperament. Oft wünschte
man sich, die Künstlerin hielte inne und verdichtete, was sie unablässig
umtreibt.