Der Luzerner Künstler Stefan Banz (geb. 1961) verknüpft in seinem
Foto- und Videoschaffen seine analytische Intelligenz mit dem Zeitgeist
junger Väter und den Traumas seiner Kindheit.
Stefan Banz ist Kunsthistoriker; als solcher hat er Ende der 80er Jahre
die Kunsthalle Luzern geleitet, die schliesslich an fehlenden Geldern scheiterte.
Zu Beginn der 90er Jahre kuratierte er unter anderem eine Ausstellung Rolf
Winnewisser im Helmhaus in Zürich; der umfangreiche Text des Begleitkataloges
charakterisierte Banz zugleich als bohrenden wie derart komplexen Denker,
dass wohl nur wenige das Buch zu Ende gelesen haben.
Praktisch gleichzeitig
debütiert Banz als bildender Künstler; mit Fotos, die ihn als
Vertreter der neuen Vater-Generation zeigen; einziges Thema waren seine
damals noch sehr kleinen Kinder, die er mit grosser Lust fotografierte und
ohne irgendwelche Unterscheidung zwischen Privatraum und öffentlichem
Raum in Grossvergrösserungen zeigte. Das intime, emotional verführerische
Moment, das er unter Verwendung seiner Kinder in seiner Kunst erreichte,
gab von Anfang an zu Diskussionen Anlass.

Inzwischen ist Stefan Banz zu einem der meistbeobachteten Schweizer Künstler
geworden; quasi zur Eröffnung der Ausstellung im Migros-Museum in Zürich
erhielt er den Luzerner Manor-Preis und die Galerie ars futura in Zürich,
die ihn vertritt, wird die kommenden, internationalen Auftritte zu nutzen
wissen. Die Strategie Banz' geht auf.
Mit dem Thema Familie aus Vater-Optik operiert er in einem Themenfeld, das in dieser Form gesellschaftlich neu ist und dementsprechend anziehend. Banz ist indes nicht nur ein engagierter Vater; er ist in sich selbst ein komplexer Mensch mit sehr vielen, meist auf seine Jugend zurückgehenden Angstbildern. Wenn er fotografiert, dann immer in dem Moment, da sich eine Alltagssituation ausschnitthaft und aus dem Kontext herausgenommen in eine bedrohliche, Gewalt als Möglichkeit implizierende, oft auch unterschwellig sexuell konnotierte, verwandelt. Es ist des Künstlers hochgradige Bewusstheit, dass er diese Bilder sieht und seine Intelligenz, dass er sie strategisch in einen künstlerischen Kontext zu stellen vermag, der sowohl emotional wie kunsttheoretisch Fragen stellt. Banz ist ein ebenso brillanter wie gehetzter Interpret seiner eigenen Kunst.
Was für die Fotos gilt, betrifft ebenso die Videos, die - dem Medium
entsprechend - über Situation, Bewegung und Repetition das Alltägliche
ins Hintergründige kippen lassen. Die Ausstellung im Migros-Museum
ist die bislang grösste des Künstlers. Was bisher vereinzelt diskutiert
wurde, wird nun im Zusammenhang sichtbar und erweitert. So betitelt Banz
seine Ausstellung mit "Gulliver", der in Jonathan Swifts Roman
die Welt einmal gross und einmal klein erlebt.
Damit thematisiert er die
Manipulations-möglichkeiten, welche die Fotografie in sich birgt und
die er weidlich nutzt. So stellt er zum Beispiel neben eine harmlose Installation
mit verkleinerten Nashörnern überdimen-sionierte Foto-Wände,
von denen eine den vergrös-serten Blick in den Mund seiner Tochter
zeigt, die gerade vom Zahnarzt eine Spange angepasst erhält. Dramatisierung
und Verniedlichung stehen sich unmittelbar gegenüber und zeigen Banz
als jenen ebenso raffinierten wie zeitgeistigen Strategen zwischen privat
und öffentlich, emotional und analytisch, die seine Kunst möglicherweise
zu einer der erfolgreichsten der kommenden Jahre machen wird.
Auch wenn Banz das thematische Feld im Moment über seine Familie hinaus
weitet, bleibt die schon vor Jahren gestellte Frage, wie weit der Künstler
mit seinem Schaffen seine Kinder nicht nur fotografisch manipuliert, nach
wie vor unbeantwortet und als latentes Missbehagen stehen.