Einen wahren Augenschmaus hat die englische Künstlerin Anya Gallacio
(geb. 1963) zum Abschied von Roman Kurzmeyer als Kurator des Projektraumes
der Kunsthalle Bern eingerichtet. Kurzmeyers auf zwei Jahre befristete Stelle
geht damit zu Ende; ein im März erscheinendes Buch wird seine Tätigkeit
dokumentieren. Eine junge, französische Ausstellungsmacherin wird fortan
den experimentellen Projektraum im Soussol bespielen.
Vorerst jedoch hängen an Sisal-Schnüren - in rhythmischen
Intervallen - nicht weniger als 2500 rotbackig-glänzende Äpfel.
Fast ein Erntedankfest. Nun darf man allerdings die junge Britin nicht mit
Karin Kneffels Idyllen (Zeichen&Wunder, Kunsthaus Zürich, 1995)
vergleichen. Hingegen ist die Assoziation, die Äpfel sogleich mit Cuno
Amiets berühmter "Apfelernte" (Kunstmuseum Bern) in Verbindung
zu bringen, nicht falsch. Der Ansatz der Engländerin ist ein zugleich
ausgesprochen sinnlicher wie ein kontextueller. Das heisst, ihre formal
und materialmässig sehr verschiedenen Installationen befragen immer
die Kunstgeschichte. Man bedenke kurz, wie viele Äpfel im Laufe der
Jahrhunderte auf Stilleben verewigt wurden und welche Bedeutung der Apfel
zum Beispiel im für das 20. Jahrhundert wegweisenden Werk von Paul
Cézanne spielt. Da ist ein Erntedankfest so falsch nicht.
In früheren Installationen hat sich die Künstlerin, die 1988 in
Damien Hirst legendärer Ausstellung "Freeze" in den Londoner
Docks mit dabei war und mit dem Enfant terrible der englischen Szene am
Goldsmith's College studierte, mit Richard Serra oder mit Veronese auseinandergesetzt.
"Do paintings dream of the Vernoses green?" hiess etwa eine Ausstellung
in New York im vergangenen Jahr. Anya Gallacios Apfel-Vorhang in Bern verweist
zum einen auf den Apfel in der Kunstgeschichte, ist aber ebensosehr Bild
in sich selbst. Die Rhythmen in der Vertikalen wie der Horizontalen bestimmen
den Bildcharakter, verweisen aber - in einem übertragenen Sinn
- zugleich auf die Rhythmen der Natur und den Kult, den die Menschen
zu allen Zeiten, mit Lebensmitteln betrieben haben - vom Opferlamm
bis zum Zibele-Märit..