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A. Zwez: Das alte CentrePasquArt hatte in der Schweiz eine Art Sonderstellung
zwischen Museum und zeitgenössischem Experimentierfeld. Was wird sich
mit dem künftig im Sinfonie-Konzert der Schweizer Kunstmuseen spielenden,
neuen PasquArt daran ändern?
Andreas Meier: Zuerst möchte ich meine Begeisterung äussern über
das in jeder Hinsicht gelungene Projekt. Ich meine damit das Gleichgewicht
von alt und neu, die Ökonomie der inneren Verbindung und das vielfältige
Raumangebot mit verschiedenen Lichtsituationen und Materialisationen. Ich
freue mich darin auszustellen und würde es gegen kein anderes Ausstellungshaus
in der Schweiz austauschen wollen.
Natürlich hat dieses Gebäude nun etwas Respekteinflössendes
und wird auch Objekt der Bewunderung sein für viele Kunst- und Architekturkenner.
Ob sich diese Bewunderung nun auch automatisch auf die ausgestellten Kunstwerke
überträgt, das ist eine wichtige Frage. Einige Künstler haben
mir Bedenken in diese Richtung geäussert.
Wir hoffen aber trotz der Perfektion des renovierten Gebäudes die
experimentelle Haltung nicht verlassen zu müssen. Wir freuen uns zum
Beispiel zu zeigen, mit wie vielen Ansätzen man den neuen grossen Oblichtsaal
bespielen kann. Nicht zuletzt mit der Kunst selbst kann man erreichen, dass
das Haus nicht zum Tempel der Kunstbewunderung wird, sondern weiterhin als
Laboratorium funktioniert.
A. Zwez: Bisher hat sich das Centre PasquArt gleichzeitig als schweizerischen
wie auch als regionalen Kunst-Ort verstanden. Nicht zuletzt die enge Zusammenarbeit
mit dem Kunstverein und dem Photoforum liess die Seeländer ­p; die
Kunstinteressierten ebenso wie die Kunstschaffenden ­p; von «ihrem»
Museum sprechen. Wird das auch in Zukunft so sein?
Andreas Meier: Wir werden künftig das zweitgrösste Kunstmuseum
im Kanton Bern sein. Trotzdem soll das PasquArt ganz klar ein Haus für
die Region mit ihren rund 150 000 Einwohnern sein. Das heisst nicht einseitig
ein Ausstellungsort für die regionale Künstlerschaft, sondern
ein Haus für Aktivitäten, welche diese Region und Kunstinteressierte
weit darüber hinaus interessieren können.
Dies wollen wir unter anderem durch die Zusammenarbeit mit dem Photoforum,
das künftig doppelt so grosse Räume bespielen wird, dem Kunstverein,
dem Filmpodium, dem «Espace libre» der GSMBA und weiteren Veranstaltern
erreichen. Auch Architektur wird künftig ein Thema sein. Es soll autonome
Pluralität spürbar werden.
A. Zwez: Die Aktivitäten der meisten Museen bestehen zum einen aus
der Präsentation von Aspekten der Sammlung, zum anderen aus der Veranstaltung
von Wechselausstellungen. Hat Biel überhaupt eine Sammlung, die ständig
zu zeigen es sich lohnt?
Andreas Meier: Eine kunsthistorisch bedeutsame Permanent-Ausstellung können
wir im Moment nicht bieten; aber wir werden, verstärkt durch Leihgaben
aus Privatbe-sitz einen «halbpermanenten» Sammlungsbereich präsentieren,
der länger dauert als eine zweimonatige Wechselausstellung und der
sich dauernd transformiert, ähnlich wie dies, in grösserem Umfang,
auch das Musée d'art moderne (Mamco) in Genf macht.
Dann wollen wir aber auch historische Einzelwerke aus der Sammlung der Stadt
in einen spezifischen Kontext stellen. Die seit 1990 erworbenen und geschenkten
Werke der Stiftung Kunsthaus-Sammlung werden zum ersten mal im April/Mai
voll zur Geltung gebracht.
A. Zwez :Wenn der alte und der neue Direktor ein und derselbe sind, so
ist das auch für ihn persönlich eine Herausforderung. Was bedeutet
der «Aufstieg» des Pasquart in die Nationalliga A für Sie
persönlich?
Andreas Meier: Nationalliga B ist wohl treffender. Das PasquArt wird nicht
vergleichbar sein mit Häusern wie Basel, Bern oder Zürich, wohl
aber mit Schaffhausen, St. Gallen, Chur, Zug, Solothurn und anderen. Zumindest
flächenmässig. Finanziell und personell indes nicht; einer kürzlich
erschienenen Studie zufolge sind wir personell 50% unterdotiert. Und finanziell
wären wir schon froh, wir könnten zum Beispiel mit Solothurn gleichziehen,
dessen Betriebs-Budget rund 1 Million beträgt, während wir allen
Anstrengungen zum Trotz mit 750 000 Franken im Jahr durchkommen müssen.
Wichtigste Veränderung seit einem Jahr ist jedoch, dass aus der Ein-Mann-Leitung
ein kleines Team geworden ist. Hélène Cagnard, französisch-sprachige
Kunsthistorikerin aus Genf, ist an allen künstlerisch-gestalterischen
Entscheidungen mitbeteiligt. Zusammen teilen wir uns künftig in eine
150%-Stelle.
A.Zwez : Wie würden Sie ihre Vorlieben in der Kunst umschreiben?
Was muss Kunst für Sie erfüllen, um als kreative Kraft bedeutsam
zu sein?
Andreas Meier: Mich interessiert das Innovative, Initiierende, Unkonventionelle,
aber das gilt wohl für alle Museumsleute. Im mehr philosophischen Sinne
geht es uns darum, mit überzeugender Kunst Möglichkeiten des Umgangs
mit Bildwelten zu ermöglichen, das heisst kritischer Umgang mit der
alltäglichen Bilderflut, eine Verlangsamung der Wahrnehmung erzielen,
die auch Selbstfindung und Reflexion ermöglicht. Über heutige
Kunst kann man seine Sehfähigkeit regenerieren.
Vom monochromen Bild bis zum ironischen Umgang mit den virtuellen Bildwelten
gibt es alles, was in der gegenwärtigen Kunst vorkommt. Die spielerische
Seite bei Hervé Graumann oder bei Pipilotti Rist finde ich sehr spannend,
aber auch dem Meditativ-Philosophischen in einem Werk von Hermann de Vries
oder der sehr expressiven Seite eines Martin Disler fühle ich mich
sehr nahe.
A. Zwez : Darf das neue CentrePasquArt ihre persönliche Auffassung
von Kunst und Museum heute spiegeln oder ist da eine Verpflichtung, Vielfalt
an Meinungen und Haltungen einzubringen?
Andreas Meier: Ein subventioniertes Haus darf nicht eine einzige Linie verfolgen,
sondern muss mit einem Höchstmass an Offenheit agieren und Vielfalt
zeigen. Im übrigen bin ich auf allen Ebenen für eine gesunde
Rotation, sei das nun in Jurys, in Kommissionen oder was eine Kunsthaus-Leitung
anbetrifft. Denn es gibt in Sachen Kunst keine objektive Position, die ein
anderer nicht in Frage stellen könnte.
A. Zwez: Die Schweiz hat möglicherweise die grösse Dichte an
Kunstmuseen in der Welt. Ein Museum so führen, dass seine Stimme wahrgenommen
wird, seine Ausstellungen Publikum finden, ist darum eine grosse Herausforderung.
Was ist hier ihr Konzept?
Andreas Meier: Das Konzept des CentrePasquArt basiert auf öffentlich
geführten Diskussionen. Unsere Ausrichtung ist tendenziell auf jüngere
Kunst gerichtet und sucht die direkte Zusammenarbeit mit Kunstschaffenden,
die noch nicht voll vom Kunstbetrieb vereinnahmt sind. Neben den längerfristig
geplanten Ausstellung von überregionaler Ausstrahlung, wird unsere
Spezialität sein, auch kurzfristig reagieren zu können, zum Beispiel
im Kabinettraum. Im übrigen hoffe ich natürlich auf die nachhaltige
Zusammenarbeit mit einer ganzen Reihe interessanter Sammler aus der Region.
Aus dem ganzen Netz von Galerien, der Fondation Saner und dem Kunsthaus
entsteht vielleicht einmal ein Klima für ambitiösere Pläne.
A. Zwez: Wenn ich an das Legat von Paul A. Poma denke und sehe, was
er damit erreicht hat, dann denke ich, es würde den Erblasser mit grosser
Freude erfüllen. Doch die Finanzen aufbringen, um eine Museum zu bauen
ist eines, es dann im Rahmen eines Budgets zu betreiben ein anderes. Wie
sieht hier die Situation für das PasquArt aus?
Andreas Meier: Ich denke auch, dass Monsieur Poma seine Freude hätte
und der Moment der Eröffnung ist auch nicht der Zeitpunkt für
Klagen, jetzt wo wir mit der Unterstützung von 47 Gemeinden der Region
rechnen können. Seit der Gründung 1990 gab es nicht nur das grosse
Wunder der Erbschaft Poma, sondern immerhin weit über eine Million
an kleineren und grösseren Donationen und Projektbeiträgen. Es
zählen auch die kleinen Beiträge. Eine wunderbare Unterstützung
einer Personengruppe von jährlich 10 000 Franken konnte für museumspädagogische
Anliegen gefunden werden.
Vielleicht finden wir jemanden, der uns hilft, unsere schweizweit einmalige
DVD-Video-Juke-Box durch Ankäufe von Videos zu unterstützen oder
der uns hilft, einen digitalen Schnittplatz für Künstler einzurichten,
die hier am Ort arbeiten möchten. Zwei Gästezimmer können
wir schon jetzt zur Verfügung stellen für kurz- oder langfristige
Residenzprojekte.
A. Zwez: Die Ausstellung, die nach der Millenniumsnacht am 1. Januar
um 11 Uhr, quasi drei Wochen vor der offiziellen Eröffnung, still ihre
Tore öffnet, trägt den Titel «Au centre, l'artiste».
Warum stellen Sie gerade die Thematik des Selbstporträts an den Anfang?
Andreas Meier: Da gibt es mehrere Aspekte. Zum einen wollen wir, Hélène
Cagnard und ich, eine Ausstellung realisieren, die kunstgeschichtlich in
etwa dieselbe Epoche abdeckt wie die beiden Häuser des PasquArt, um
sie nicht nur architektonisch, sondern auch künstlerisch als Balance
zu zeigen. Analog kann so auch ein breites Publikum angesprochen werden,
das innerhalb der Ausstellung vom Vertrauten zum (vielleicht) Unbekannten
geführt wird.
Das heisst von der Malerei Amiets und Hodlers bis zu jüngsten Stipendiaten/-innen
des eidgenössischen Kunstwettbewerbs und der Bieler Künstlergruppe
relax. Es war auch ein ideales Thema für eine Gegenüberstellung
von Malerei und Fotografie, realisiert in bisher einmaliger Zusammenarbeit
mit Francis Siegfried und dem Photoforum. Der Titel der Ausstellung bezieht
sich nicht nur auf den Spannungsbogen zwischen Selbstporträt und Selbstinszenierung,
er drückt auch aus, dass im PasquArt die Kunstschaffenden im Zentrum
stehen sollen.