www.annelisezwez.ch Bis 03.10.1999
Chinesische Künstler erfahren grosse Beachtung. Nur wenige arbeiten
indes «chinesisch». Einer, dem der Spagat gelang, ist Qiu Shi-hua.
Seine wunderbaren Landschaften sind Leere und Fülle zugleich.
Keine Berichterstattung über Harald Szeemanns Venezianer Biennale ohne
Verweis auf die grosse Präsenz chinesischer Künstler. Auch wenn
sich inzwischen die einzige «chinesische» Künstlerin in Venedig,
Ying­p;Bo (geb. 1963), als Harald Szeemanns Lebenspartnerin Ingeborg
Lüscher (geb. 1936) entpuppt hat, ändert das am Interesse nichts.
Nur wenige dieser Künstler aus dem Land der aufgehenden Sonne pflegen
indes eine Kunst, die dem philosophischen Interesse des Westens an der Kultur
des Fernen Ostens entspricht. Zu sehr hat die kommunistische Aera die Lehren
Buddhas aus ihren Köpfen verbannt. An Chinas Akademien wird noch heute
der Sozialistische Realimus gefeiert.
Das alles erlebte auch Qiu Shi-hua, der in Venedig zu den wenigen gehört,
die im Bewusstsein des Westens den Osten neu gefunden haben. Der 1940 in
Sichuan geborene Künstler wurde von seinem Vater in die Lehre des Taoismus
eingeführt, doch die Ausbildung an der Kunstakademie von Xi'an macht
ihn zum Maler des russischen Realismus. Während der Kulturrevolution
schlug er sich als Kino-Plakatmaler, wie es sie in China häufig gibt,
durch. 1984 vermochte er in die freie Wirtschaftszone von Shen Zhen umzusiedeln,
wo er als Arbeitsloser in eine Krise geriet, die sich später als Chance
entpuppte. Die zaghafte Rückbesinnung und ein Stipendium, das ihm eine
Reise nach Paris ermöglichte, führten ihn zu einer Kunst, welche
die alte chinesische Tusch-Malerei auf Papier und die westliche Oelmalerei
in beeindruckender Weise verschmilzt. Die Impressionisten, aber auch David
Caspar Friedrich hätten ihn tief beeindruckt, sagt er. Qiu Shi-hua
gibt für diesen Wandel die Zeit zwischen 1987 und 1989 an. Seit 1996
wird sein Schaffen international gezeigt. Der Künstler lebt offiziell
nach wie vor in Shen Zhen. Zur Zeit arbeitet er jedoch in einem Atelier
der Christoph-Merian-Stiftung in Basel. So kommt es, dass viele der in Basel
gezeigten Werke in der Schweiz entstanden. Insbesondere das für die
Kunsthalle gemalte, riesenhafte Bild im Treppenhaus, das zur Zeit daslangjährig
da hängendene Grossformat Martin Dislers ersetzt.
Auf den erstenBlick zeigen die Bilder Qiu Shi-huans nur rohe Leinwand mit
vereinzelten, wolkigen Schatten. Doch beginnt man die Bilder einzuatmen,
werden sie sehr schnell Raum, das Auge durchdringt die neblige Oberfläche
und entdeckt in der Ferne Landschaft. Sie ist anwesend und abwesend zugleich.
Tritt man dem Bild zu nahe, verschwindet sie. Man muss sich seinen Standort
suchen.
Qiu Shi-hua arbeitet mit Oelfarbe, die er mit viel Hasenleim auflöst,
zugleich verdickt und mit Pinsel in die Leinwand einarbeitet. Motiv sind
ihm Landschaftsformationen aus dem Nordwesten Chinas, wo er lange lebte.
Schaut man die Bilder von der Seite mit einem Winkel von etwa 15 Grad an,
so werden überraschenderweise die frontal kaum wahrnehmbaren Malschichten
sichtbar. Man sieht wie intensiv Qiu Shi-hua die Leinwand bearbeitet, um
schliesslich doch beinahe nichts zu zeigen als die unsichtbaren, stummen
Gefühle, die er im meditativen Malprozess zu erfahren vermag Darum
muss man die Bilder mehr in den Bauch einatmen als mit den Augen anschauen.
Sie sind wie Zonen der Ruhe, die in ihrer vollen Leere jedem Raum geben,
mit eigenen Empfindungen darin zu verweilen.
Künstlerisch interessant ist, dass es dem Maler gelingt, mit seinen
beinahe monochromen Werken, der vermeintlich zu Ende geschriebene Geschichte
der Monochromie neuen Inhalt zu geben. Als Referenzen drängen sich
nicht die Impressionisten auf, sondern amerikanische Künstler wie Robert
Ryman, Mark Rothko oder Agnes Martin.
Katalog in der Reihe der Basler Kunsthalle.