www.annelisezwez.ch Bis 03.10.1999
Bereits ein Klassiker: Die Konstruktion und Reduktion verpflichtete Ausstellung
mit Werken zum Thema Kreis von Nigel Hall, Jean Mauboulès und Christian
Herdeg im Museum Allerheiligen in Schaffhausen.
Das Schaffen vieler heute zwischen 50 und 60 Jahre alten, somit primär
von den 60er/70er Jahren geprägten Künstler wird heute von den
Kunsthallen und Museen links liegen gelassen. Die in den 60er Jahren geborenen
haben, wie einst die 40er Jahrgänge mit den ihnen vorangegangenen Strömungen,
weitgehend tabula rasa gemacht. Die Präzision und Aesthetik in ausgesprochen
harmonischer Form zeigende Ausstellung mit drei Vertretern einer von der
Minimal Art beeinflussten, konstruktiven Kunstsprache in Schaffhausen zeigt
den Bruch mit Vehemenz.
Die Werke des Engländers Nigel Hall (geb. 1943), des französisch
geprägten Solothurners Jean Mauboulès (geb. 1942) und des Zürchers
Christian Herdeg (geb. 1943) sind zwar unzweideutig von herausragender Qualität.
Jede Skulptur ruht in sich, vereinigt Spannung und Stille zugleich, ob in
Holz, in Eisen und Glas geschaffen oder mit Neon-Röhren zum Rund geformt.
Insofern ist die Ausstellung ein Ereignis. Doch was vor wenigen Jahren noch
eine zeitgenössische Ausstellung gewesen wäre, ist heute bereits
eine klassische, in die Kunstgeschichte zurückweisende. Gerade weil
die Blüte der reduziert-konstruktiven Formensprache, welche die Skulptur
seit den 70er Jahren massgeblich mitprägte, erst wenig zurückliegt,
schwankt der Eindruck der Ausstellung zwischen achselzuckendem "déjà
vu", erstauntem Feststellen eines stilistisch abgeschlossenen, kraftvollen
Kapitels der Kunstgeschichte und einer zeitlosen Bewunderung für die
Dichte und Strahlkraft der besten Arbeiten.
Alle drei Künstler haben ihre Form- und Materialsprache im Laufe der
Zeit ausgeweitet, verändert, ohne jedoch das Grundprinzip raumgreifender,
aesthetischer Spannungsfelder je in Frage zu stellen. Was die drei gleichaltrigen
Künstler miteinander verbindet, ist die Bedeutung, die sie dem Kreis
als werkbestimmender Form beimessen. Im Gegensatz zum dem vom Menschen erfundenen
Quadrat ist der Kreis eine Form der Natur, von der Blume im Garten, der
Sonne am Himmel bis zur Iris unserer Augen. Auch wenn die Werke von von
Hall, Mauboulès und Herdeg die Ungegenständlichkeit geradezu
thematisieren, schwingt diese Prägung des Kreises doch immer mit. Können
wir Christian Herdegs Neonröhren-Rund anschauen ohne an die kürzliche
Sonnenfinsternis zu denken? Rufen Nigel Halls sich konisch verjüngenden
respektive ausweitenden Kreisbänder nicht automatisch nach dem Vergleich
mit Erfahrungen des Hinein- respektive Hinausschauens? In beiden Werkgruppen
unterstützt das eingesetzte Material die assoziativen Prägungen:
Die Edelgase bei Herdeg, das Holz bei Hall.
Anders bei Jean Mauboulès. Die Tatsache, dass er die Kreise in seinem
Werk nie schliesst, sondern als offene, zuweilen spiralförmige Bogen
einsetzt und ausschliesslich mit Eisen und Glas arbeitet, gibt seinem Werk
eine andere Interpretationsrichtung: Das Auf- und Abrollen, Biegen, Kreisen,
Drehen, Wenden steht im Vordergrund, somit Bewegung und Lenkung. Anders
als bei Hall und Herdeg sind die skulpturalen Formen nicht von visuellen
Erfahrungen geprägt, sondern von der bestimmenden Hand des Menschen.
Diese Differenz, mit allem, was sie an Gedanklichem beinhaltet, ist ein
wichtiges Spannungsfeld innerhalb der Ausstellung.
Die Inszenierung der Ausstellung im Wechselsaal ist traditionell - die Proportionen
der Werke von Mauboulès und Hall spiegeln sich in ihrer Plazierung.
Dass die Relief Herdegs in den ersten Sammlungsraum verbannt sind, ist bedauerlich,
da dies die Zwiesprache erschwert.
Der Höhepunkt der Ausstellung ist darum der Pfalzhof. Nicht nur weil
sich die drei Werke hier begegnen, sondern weil durch das Zusammenspiel
von Architektur, (Kloster)-Geschichte, Stadt und Kunstwerken anderer Epochen
ein Diskurs ensteht, der quer durch Zeit, Raum und Gesellschaft führt,
somit zeitgenössischer wirkt als die eigentliche Ausstellung selbst.
Motor hiefür ist die für Schaffhausen konzipierte, einzigartige
Installation von Christian Herdeg. Er scheint die romanische Loggia auf
der Höhe des ersten Stockwerkes mit der blau hinterleuchteten Folie
räumlich geradezu auszuweiten. Und mit roten, kreisbogenförmigen
Argonlichtelementen in Bewegung zu versetzen. Es ist als würde die
Arbeit alles Gegebene, Statische aus den Angeln heben, um die Dinge neu
betrachten zu können.
Katalog. Text: Klaus Unger, Gastkurator.