www.annelisezwez.ch Bis 16.05.1999
Die Ausstellung von Louise Bourgeois, Meret Oppenheim und Ilse Weber im
Aargauer Kunsthaus ist eine Ueberraschung, die man immer schon ahnte. Dem
Unspektakulären der Zeichnung steht der grenzenlosen Raum der Phantasie
gegenüber.
Die Euro-Amerikanerin Louise Bourgeois, die in Berlin geborene Schweizerin
Meret Oppenheim und die Aargauerin Ilse Weber sind zwischen 1908 und 1911
geboren. Alle weilen zwischen 1935 und 1938 in Paris. Für jede ist
der Surrealismus, der inneren Bildern äussere Realität gewährt,
von Bedeutung. Und alle drei sind sie wichtige Frauen. Louise Bourgeois
ist heute noch tätig.
Von hier aus direkt zum Vergleich der Werke anzusetzen, ist verlockend und
gefährlich zugleich. Beim ersten Rundgang durch die Ausstellung im
Soussol erliegt man dem lustvollen Spiel, das eine im andern wiederzuentdecken,
zu staunen, sich zu freuen. Zum Beispiel darüber, dass es dem Aargauer
Kunsthaus – nicht zum ersten Mal – gelingt, weltweit Bekanntes und international
Unbekanntes so ins Gespräch zu bringen, dass die Masstäbe ins
Wanken geraten.
Beim zweiten Rundgang rückt das ausgeprägt Individuelle der drei
Künstlerinnen in den Vordergrund – das Radikale von Louise Bourgeois,
das in Form Komprimierte bei Meret Oppenheim, das Poetisch-Erzählerische
bei Ilse Weber. Ein Verwechseln ist nun kaum mehr möglich. Zugleich
bleibt aber das, was die Idee zu dem von Aarau konzipierten Werkdialog generiert
hat: Das Unterschwellige. Das, was als Zitat von Carsten Ahrens im Katalog
erscheinende "Gläserne Haus voller Geheimnisse" meint.
Meret Oppenheim hat schon als 20jährige damit begonnen, ihre Träume
aufzuschreiben. Wie aus den präsentierten Originaldokumenten ersichtlich,
hat die Künstlerin das nächtlich Erlebte während des Aufschreibens
(oder als späterer Nachtrag) oft mit dem Tagesaktuellen in Kombination
gebracht; es war ihr somit ein Anliegen Inneres, symbolisch Bildgewordenes
mit dem Aeusseren, dem Sichtbaren zu vereinen. Und genau das machen alle
drei Künstlerinnen auf ihre Art und Weise. Wobei Traum auch Trauma
sein kann, der Traum nicht zwingend an den Schlaf gebunden ist.
Doch da ist noch mehr. Im Katalogtext von Stephan Kunz erscheint das Thema
Frau vor allem in Bezug auf die äusseren Lebens- und Rezeptionsumstände,
den Alterserfolg zum Beispiel. Das ist die eine Seite. Doch da ist auch
die von Frauen in der gesellschaftlichen Zurückgebundenheit entwickelte
Fülle an Bildern, die, notgedrungen, im Inneren des Körpers gewachsen
ist und demzufolge logischerweise Weibliches spiegelt. Und zwar auch dann,
wenn das Körperthema nicht einseitig Thema des künstlerischen
Werkes ist und im vorliegenden Fall schnell zum dem führt, was die
drei Künstlerinnen voneinander und alle vom feministischen Ansatz der
70er/80er Jahre unterscheidet. Und doch ist dieses körperliche Bildempfinden
der Sitz des unterschwellig Gemeinsamen, das man, unter Wahrung des Individuellen,
auch auf die Zeichnungen der einige Jahre jüngeren Maria Lassing ausweiten
könnte. Ansatzweise greifbar wird der Unterschied zum Beispiel im Vergleich
der Aarauer Ausstellung mit jener von André Thomkins im Kunstmuseum
Bern; zwei Formen von Phantasie.
Die Freude am Spüren der künstlerischen Kraft, welche die Ausstellung
als sich potenzierende Energie auflädt, darf die Situierung der Werke
in einem grösseren Kontext nicht vergessen lassen. Meret Oppenheim
wird durch ihre frühen Pariser Arbeiten, von denen eine stattliche
Zahl zu sehen ist, immer eine Surrealistin der ersten Stunde sein, auch
wenn ihr Werk ebenso pionierhafter Beitrag zur "Innerlichkeit"
der 60er/70er Jahre ist. Louise Bourgeois' Werk ist trotz der Bezüge
zum Surrealismus ein erratisches, das Klassisches, Konstruktives, Archaisches
in einen einmaligen Werkkörper einbindet. Für Oppenheim und Bourgeois
ist die Zeichnung eine Aeusserung unter vielen, wenn auch die über
den Kern der Formfindung am meisten aussagende.
Die ausgesprochen bildhaften Arbeiten von Ilse Weber aus den 60er bis 80er
Jahren hingegen finden über die spätere, ausgesprochen ich-bezogene
Ausformung des Surrealismus zu ihrer Blüte und bilden zugleich das
Hauptwerk der Künstlerin. Im aktuellen Kontext werden jene Blätter
zu den wichtigsten, in denen das erzählerische Moment zugunsten von
Form und Gestalt am stärksten zurückgenommen ist.
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