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Kein anderer Kunstsponsor hat es geschafft, sich so in die Kunstszene zu
infiltrieren wie Maus Frères mit ihrem Manor-Preis. Mit Yves Netzhammer
als Manor-Kunstpreisträger wagt sich der Sponsor in die Cyberwelt.
Die Neuen Medien haben die Museen erobert. Zu Kunst mit Fotografie und Video
hat sich in den letzten Jahren ein Vokabular des Vergleichs und der Beurteilung
gebildet. Doch Yves Netzhammer schafft seine Kunst ausschliesslich digital,
das heisst in den Bandbreiten der von ihm genutzten 3D-Software. Damit verblüfft
er Computer-Laien zum Vornherein. Ein Beurteilen der Arbeiten des jungen
Künstlers ist zwangsläufig davon geprägt. Erst die Zukunft
wird zeigen, ob die heutige Faszination dereinst zu revidieren ist.
Der Mensch hat die Tendenz Neuem mit Vertrautem zu begegnen. Und so ist
denn die erste grosse Verblüffung angesichts der reichen, erzählerischen
Bildprojektionen von Yves Netzhammer, dass sie an die "Mentalität
Zeichnung" der 60er/70er Jahre erinnert. Umsomehr als im Kunstmuseum
Bern zur Zeit eine Retrospektive des Pioniers dieser Metamorphosen-Zeichen-Kunst
zu sehen ist: André Thomkins (1930-1985). Doch Yves Netzhammer
kennt die Arbeiten des Luzerners nicht. Die zur Zeit jüngste Künstlergeneration
(die 70er Jahrgänge tauchen erst vereinzelt in der Szene auf) orientiert
sich nicht am eben erst Gewesenen. Vorbilder sind Comic, Film und Fernsehen.
Frägt man Yves Netzhammer allerdings nach den seinen Arbeiten formal
(nicht medial) sehr nah verwandten Zeichnungen des von Thomkins mitbeeinflussten
Aldo Walker (geb. Luzern 1938), so stösst man auf eine reale Künstler-Freundschaft.
Es ist die Reduktion auf eine einfache, von der sichtbaren Welt ausgehende,
die Dinge mit der Phantasie des Strichs in Neues verwandelnde Gestaltungsart,
welche die beiden Werke in einzelnen Zeichnungen - bei Netzhammer als Diaprojektionen
oder Stills ab Bildschirm, bei Walker als Arbeiten auf Papier - zuweilen
fast deckungsgleich macht. Dass Thomkins, Walker und Netzhammer von der
Galerie Stähli in Zürich vertreten werden, sei nur am Rand angemerkt.
Es wäre indes falsch, mit dem Erkennen von Verwandtem, das Neue, Andere,
Heutige bei Netzhammer zu unterschlagen. Netzhammers Dia-Projektionen, ebenso
wie die vierteilige 3D-Installation sind, obwohl ausgesprochen gegenständlich,
sehr viel abstrakter. Das heisst, das "Ich" des Künstlers,
das in den 70er Jahren dominant ist, spielt hier nur wenig eine Rolle. Es
ist, als hätte sich die bildhafte Verwandlung der Körperfragmente
wie Hände, Zungen, Knochen, Organe und der Dinge (Möbel, Architekturteile,
Bauklötze etc.) von der Phantasie im Kopf in die Cyber-Welt des Computers
verlagert. Dieses scheinbar Selbsttätige, das sich durch die dreidimensionale
Gestaltung und das bewegte Geschehen massiv steigert, bestimmt die Rezeption.
Befragt man die Gefühle, die sich beim Betrachten einstellen, so sind
da sehr ambivalente Regungen. Zum einen erinnert Yves Netzhammers Welt ans
Kinderzimmer - an die beweglichen Glieder-Tierchen, mit denen man einst
gespielt hat, an alle Arten von Baukästen, mit denen sich Neues bauen,
aber ebenso wieder zerstören liess, an Kinderbuch-Illustrationen auch.
Das ist, technischer Raffinesse zum Trotz, die harmlose Seite.
Gleichzeitig ist da aber auch das Wissen, dass die Software, die der Künstler
nutzt, nicht für ihn geschaffen wurde. Dass sie im Bereich von Architektur
und Design angewandt wird, beunruhigt nicht. Doch Netzhammer überträgt
sie in eine "lebensweltliche" Atmosphäre. Da werden Körper
gezeugt, da wird mit dem Leben gespielt, da vermischen sich Mensch und Tier,
da sind Zungen Leckgeräte, da spüren die Finger nicht mehr, was
sie tun. Und auf einmal wird die Poesie sehr, sehr unheimlich. Zwar negiert
der Künstler eine technokritische Denkweise. Dass das gerade das Gefährliche
sein kann, erkannte indes schon Goethes Faust.
Vergleicht man die neuen Arbeiten des 29jährigen Künstlers mit
jenen, die er vor zwei Jahren in der "Gewebeprobe" am selben Ort
zeigte, so ist eine grosse Entwicklung erkennbar. Sie lässt hoffen,
dass der Künstler mit wachsender Lebenserfahrung noch einmal zu dichteren,
rätselhafteren, vieldeutigeren Bild-Raum-Gestaltungen findet.
Was heute schon fest steht, ist, dass die Verleihung des Manor-Preises 1998
an Yves Netzhammer eine mutige und eine vielversprechende Auszeichnung ist.
Diese ist umso wichtiger, als Schaffhausen über kein bedeutsames Kunstförderungsgesetz
verfügt, andererseits die Auszeichnungen im Wohn- oder Heimatkanton
oft der erste Schritt zu weiterer Anerkennung bedeuten. Der private Sponsor
tritt hier an die Stelle der Oeffentlichkeit; eine Entwicklung, die immer
mehr um sich greift. Von Manor wird sie seit der Einführung des "Vilan"-Preises
in Luzern vor rund 15 Jahren grosszügig gehandhabt. Gesamthaft betrachtet
ist diese Tendenzen indes nicht nur unproblematisch.
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