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Ansprache anlässlich der
Vernissage der Ausstellung Rosmarie Vogt-Rippmann und Sara Rohner in der
Galerie im Zimmermannshaus in Brugg, 21. August 2009
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Rosmarie, liebe Sara
Sie sind zwar dünner geworden in den letzten Jahren und mehr
und mehr von Infotainment und Peoples Stories geprägt, aber dennoch gehen wir
„tagtäglich“ – so der Titel der Ausstellung, die ich hier und heute eröffnen
darf – zum Briefkasten, um die Zeitung zu holen und wenn wir mit dem Zug
unterwegs sind schnappen wir uns – kritisches Denken hin oder her – „20
Minuten“ oder „Blick am Abend“. Und im Kaffee greifen wir - da, wo es das noch gibt – zu den
aufgehängten Holzstäben mit der AZ, dem Tagi, der Baz, der NZZ der BZ, dem
Bund, der Bündner oder Luzerner Zeitung, dem Solothurner, St. Galler oder
Bieler Tagblatt usw.
Kurz und gut: DIE ZEITUNG spielt in unserem Leben neben
Radio, Fernsehen und Internet immer noch eine wichtige Rolle - und, wie diese Ausstellung einer
Journalistin erfreut zeigt, eine nachhaltigere als jene der audio- respektive
audiovisuellen Branche. Denn Papier ist geduldig – in ganz verschiedener
Hinsicht. Es ist ein Trägermedium – es zeigt, womit wir es bedrucken - seien es
Buchstaben oder Fotografien - , womit wir es bemalen, bezeichnen, es lässt sich
aber auch bündeln und als Sitzbank benutzen, es lässt sich knautschen
und in
Rohmaterial zurückführen, es lässt
sich färben, sorgsam zu Hohlkörpern modellieren oder gar, mit Leim durchsetzt,
die Form des Menschen nachbilden.
Kein Wunder also ist die Zeitung auch ein Kunst-Material. Es gibt sogar Kunst-Sammlungen, die sich ganz darauf konzentrieren, wie zum Beispiel jene von Peter und Annette Nobel. Denn die Faszination „Zeitung“ ist nicht neu – sie begann mit der Dada-Zeit und explodierte dann in den frühen 1960er-Jahren, als sich die Pop Art Bahn brach. Die Reihe liesse sich bis heute nahtlos fortsetzen, auf internationaler, auf nationaler und sogar auf kantonal-aargauischer Ebene.
Mit anderen Worten: Nicht das Material Zeitung an sich kann das Besondere dieser Ausstellung sein. Unser Ausgangspunkt muss vielmehr der Titel sein, den Rosmarie Vogt und Sara Rohner ihrer Schau im Zimmermannshaus gaben. „Tagtäglich“ – das heisst die Omnipräsenz von Zeitung in unserem Alltag macht sie zu etwas kollektivem, das unser aller Wahrnehmung von Welt mitbestimmt. Aber – unserer phänomenalen Fähigkeit zu denken entsprechend – auch zu einem Ausgangspunkt einer Welt in der Welt, unserer Welt. „Fare mondi“ ist der Titel der internationalen Ausstellung von Kurator Daniel Birnbaum innerhalb der Biennale Venedig dieses Jahr. Auch hier sind es letztlich zwei Welten, die sich im und mit dem Medium Zeitung begegnen.
Gehen wir zu den Basics zurück. Sowohl Rosmarie Vogt wie
auch Sara Rohner gehören zur
Aargauer Kunstszene. Rosmarie Vogt, ihrem Alter entsprechend, schon seit
langer, langer Zeit, Sara Rohner, ihremAlter entsprechend, eine Generation weniger lang, dafür in den letzten Jahren
immer gewichtiger, während Rosmarie Vogt schon gelassen zurückblicken kann.
Beide sind regelmässig Gäste der städtischen Galerie im Zimmermannshaus - erinnern Sie sich zum Beispiel der
farbigen Holzlatten-Bündel, die einmal im unteren Raum an der Wand lehnten oder
an die perspektivisch verschieden gemalten Blicke ins Kinderzimmer, die einst
hier hingen?
Dass sie jetzt erstmals gemeinsam hier ausstellen, hat an der Basis ganz pragmatisch
damit zu tun, dass beide gerne auf
die Einladung von Silvia Siegenthaler eingingen, aber aus dem einen oder
anderen Grund eine Doppelausstellung bevorzugten.
So kam es zur intensiveren Begegnung der zwei Aargauer
Künstlerinnen. Einer glücklichen Begegnung, denn die beiden begnügten sich
nicht – wie man das früher oft machte – mit der Aufteilung der Wände und Räume.
Keinesfalls wollten sie das Cliché einer Künstlerin, welche die Wände und der
anderen, die den Raum bespielt, wiederholen. Es ist ein schönes Moment der
zeitgenössischen Kunst, dass sie dem Miteinander einen ganz anderen Stellenwert
einräumt als dies bei all den erratischen Werken wichtiger Männer früher der
Fall war.
Rosmarie Vogt und Sara Rohner setzten sich also zusammen und schauten sich gegenseitig in die Karten. Dass bei Sara Rohner das Zeitungsbild eine Rolle spielt, ist von früheren Werkzyklen her bekannt und auch hier gibt es Bilder, die älter sind als besagtes gemeinsames Brainstorming anfangs dieses Jahres. Zur Überraschung gilt dies aber auch für Rosmarie Vogt – nur sah man bisher nie. Die beiden stellten nämlich fest, dass sie beide Zeitungsbilder sammeln und dies schon seit rund 10 Jahren.
Doch – da ist nun eben die Vielfalt der Möglichkeiten – sie tun dies nicht gleich. Sara Rohner sammelt BILDER, die sie frappieren – formal, farblich, inhaltlich. Dabei folgt sie verschiedensten Regungen – die Gleichzeitigkeit verschiedener Wahrnehmungs-ebenen, die Gleichzeitigkeit von aussen- und innen-bestimmten Wahrnehmungen – ist so etwas wie der rote Faden durch ihr Gesamtwerk. Sie reagiert somit einmal auf Bilder aus den Bereichen der Wissenschaft, der Religion, der Gesellschaft, der Politik, ein ander mal auf Themen aus der Tier- und Pflanzenwelt, aber auch der Kunst – wie könnte es anders sein. Diese Bilder landen in thematisch beschrifteten Schachteln – als ganze Zeitungsseiten oder – einem bewusst gesetzten Parameter folgend – als A5-Ausschnitte, was zur Folge hat, dass es Bilder mit und ohne Textteile sind.
Rosmarie Vogt hingegen treibt ein ganz anderes Moment an.
Sie sammelt quasi Zeit, macht sich mit den Zeitungsbildern Zeit in der Zeit
bewusst. Schon seit langem gibt es in ihrem Schaffen eine Lust am Rituellen –
eine Lust, etwas jeden Tag zu machen und dabei die Veränderungen zu beobachten.
Lange war zum Beispiel das Ankommen im Atelier im Kiff in Aarau mit dem Wählen
einer Farbe und dem monochromen Bemalen eines Blatt Papiers verbunden. Und seit
mehr als 10 Jahren ist es das
Wählen einer Anzahl von Bildern aus der Zeitung vom Vortag, die sie dann einem Tagebuch gleich in feste
Hefte einklebt – als ein subjektives Dokumentieren von Zeit, als Akt des
Bedenkens im Überfluss des globalen Geschehens, als Festhalten von Momenten
wider die eigene Vergesslichkeit auch.
Die Bücher sind
Teil der Ausstellung – man darf darin blättern – ohne weisse Handschuhe.
Genauso wie man die Holzstäbe von der Wand nehmen, auf den Tisch legen und in den Malerei-Zeitungen blättern
darf. Ebenso wie in den kleinen A5-Broschüren auf der gegenüberliegenden Seite
des grossen Saals unten.
Da spüre ich übrigens wie sich die beiden Künstlerinnen
beeinflussten. Es gibt kaum eine andere Künstlerin als Rosmarie Vogt, die Kunst
immer wieder als etwas Vergängliches deklariert hat, etwas, das entsteht, ist,
und wieder verschwindet. Manchmal war es fast nicht zum Aushalten, wenn
Rosmarie nach einer Weihnachtsausstellung im Aargauer Kunsthaus ihre grossen
geschwungenenen „Wände“ aus kurzen Dachlatten wieder demontierte und die Arbeit
damit einfach auflöste, fertig.
„Von mir gibt es dereinst keinen Nachlass – das finde ich befreiend“,
sagt sie. Ganz, ganz stimmt das glücklicherweise nicht, ich weiss doch einiges
da und dort, aber sehr weitgehend. Und dass wir hier blättern dürfen, dass sie
die Kartons mit den Kopf-Köpfen als temporäre Werke sieht, das ist auch dieses Denken und es färbt
auf Sara Rohner ab, deren genähte A5-Büchlein wir nun ebenfalls in die Hand
nehmen dürfen,um darin zu blättern, auf die Gefahr hin, sie mit Schweiss zu
verschmutzen oder mit
Schweinegrippeviren – ich meine das natürlich sarkastisch – zu infizieren.
Andererseits hat Sara Rohner mit ihren Kombinationen von
Zeitungsbildern und Bildräumen Rosmarie Vogt dazu verleitet, ihre
Zeitungsbücher neu zu betrachten, quasi als Parameter für weitere Werke
einzusetzen. Was kann damit auch noch machen, schien sie sich zu fragen – und
dann – wir wissen es – kennt Rosmarie Vogts Fantasie keine Grenzen. Sie nimmt
jeden Tag eine Doppelseite aus der Zeitung, legt sie am Morgen in Leim-Wasser
ein, nimmt sie am Mittag heraus und zerknüllt sie – kurz, lang, kräftig, fein –
je nach Tag und Lust und Zeit und.... vielleicht bleibt’s dabei, vielleicht
impft sie den Chlüngel aber auch mit blauer oder roter Tinte. Oder sie wählt
Köpfe, die zur Zeit in unser aller Munde sind – von Pina Bausch über Klaus Merz
bis Evelyne Widmer-Schlumpf, von Rita Levi über Berlusconi bis Thomas
Hirschhorn und Madeleine Schuppli – und präsentiert sie als mehr oder weniger
zerknautschte Hohl-Köpfe (Honi soit qui mal y pense). Oder sie fragt sich, was
denn passiert, wenn man die Zeitungsbilder auf Zeitungsbilder abmalt und zu
Themenblättern macht usw.
Sara Rohner geht nicht ganz so wild um mit ihren Themen –
ein anderer Mensch, ein anderes Werk. So wie sich Rosmarie Vogt Sara Rohner am
stärksten in den gemalten Zeitungsbildern nähert – Rosmarie Vogt als Malerin,
das ist eine Première und eine qualitativ überraschende obendrein – so nähert
sich Sara Rohner ihrer Ausstellungspartnerin am intensivsten in den kleinen
Büchlein, wo das Zusammenstellen von Möglichkeiten im Vordergrund steht. Sie
tut es indes so, wie es ihr entspricht – sie erzählt. Sie kombiniert, was
farblich eine Suite ergibt oder inhaltlich auffächert – unglaublich das
Büchlein mit den Globussen (oder heisst der Plural Globi?) – da ist als Cover eine rot-braune „Landkarte“ –
ihre locker gesetzten Formen kommen wieder auf der ersten Innenseite – im
Abbild eines unbeschrifteten, mehrfarbig bemalten Globus, dem nun ein Bild der
berühmten Globus-Kopie, welche die Zürcher kürzlich in die Stiftsbibliothek St.
Gallen lieferten, folgt, dann zu
einem Globus mit Weltraum-Müll rundherum wechselt und von da zum Chef des Cerns,
der mit seinen Händen scheinbar
einen Globus trägt, um dann zu einem mikrokosmischen farbigen Rund und einem
ebensolchen Strahlenkranz zu wechseln. Anders als bei vielen Assemblagen, denen man in ungezählten
Ausstellungen begegnet, bündelt Sara Rohner ihre Kombination zu einer
lustvollen, spontanen, spannenden Geschichte. Man kommt fast nicht mehr los, wenn man einmal zu blättern
begonnen hat.
Ansonsten ist Sara Rohner aber die - wie soll ich sagen, die stillere – jein, die
introvertierte – jein, vielleicht einfach die Künstlerin, die das Bedürfnis
hat, eine Idee von den verschiedensten Seiten her zu betrachten. Konkret: In
verschiedene Räume zu stellen. Oder umgekehrt: Dieselben Räume oder dasselbe
Haus mit verschiedenen Themen zu
bestücken.
Die Räume sind der rote Faden – freigestellte Zeitungsbilder
verschiedenster Provenienz in geometrisch klar definierten, perspektivisch zum
Teil komplexen und stark von Farben mitbestimmten Räumen. Geht es aber auch
wirklich um Räume? Ist Sara Rohner eine Architektur-Malerin – obwohl ich
aufgrund der Bilder „ja“ sagen könnte, mag ich nicht so recht. Ich glaube es nicht ganz. Viel eher scheint mir
die Architektur sei eine Metapher für Denkmodelle. Ob wir Pascal Merciers „Nachtzug nach Lissabon“ oder Haruki Murakamis „Kafka am Strand“
lesen – da sind verschachtelte Zeit- und Raumebenen, die, wollte man sie malen
– den Bildern Sara Rohners vielleicht gar nicht so unähnlich würden. Sichtbare
oder versteckteTreppen, gelbe, dunkelrosa, moosgrüne Räume, Wände, Bogen,
Fenster im Licht und im Schatten, Geländer, Schemel, Stühle, Fauteuils,
Verandas.
Warum auf Zeitungspapier, kann man sich fragen. Doch das ist ganz wichtig. Denn die
Figuren – im Zyklus „Traumfliegerisch“ logischerweise alle irgendwie fliegend –
sind Realitätsfetzen und ihre Stellung im Bild – auf der Zeitungsseite - ist original. Sie sind Ausgangspunkt
für den Absprung in die faszinierende Welt der Vorstellung, der Träume, der
Geschichten, der Lyrik, der Erinnerung.
Bild: Ausschnitt aus der Raumfolge "Zimmermannshaus".
Wie konsequent Sara Rohner dies denkt, zeigt die Umkehrung –
die beiden Zyklen, die sie „Raumfolgen“ nennt und die konkrete Räume – aufgrund
von Fotografien – abbilden – sie haben es sicherlich erkannt – im einen Fall
ist es das Zimmermanns-haus, im
andern, etwas schwieriger zu erkennen, das Centre PasquArt in Biel – Kunsträume
hier und dort. An den Wänden, im Raum, in der Luft, Im Zeitungsbild indes nur
vereinzelt als „Kunst“ Definierbares – in der Kunst ist eben alles möglich und
den Themen sind keine Grenzen gesetzt und darum – so würden wohl Rosmarie Vogt
und Sara Rohner folgern – sind wir Künstlerinnen und ich füge gleich hinzu: und
ich Kunstkritikerin und Sie alle Kunst-Liebhaber und -Liebhaberinnen.