Heute Samstag, 29. August 2009, wird die 11. Schweizer Plastikausstellung in Biel eröffnet. Ein kultureller Meilenstein. An die 50 Kunstschaffende sind mit Ideen, Fahnen und Bienen nach Biel gekommen.
Als der Bieler Lehrer Marcel Joray 1954 auf der Schulhauswiese die erste Schweizer Plastikausstellung realisierte, standen und lagen da auf Sockeln Figuren und Formen aus Bronze und Stein. 55 Jahre ist es her und erklärt fast von selbst, warum es in der 11ten Ausgabe keine Skulpturen auf Sockeln mehr gibt. Die Zeit hat sich gewandelt. Und wie! Eine neue Schweizer Plastikausstellung nach neun Jahren Pause mache nur Sinn, sagt ihr Direktor, Simon Lamunière, wenn sie wie einst einen noch unbekannten Plastik-Begriff sichtbar mache. „Utopics“ eben.
Das Erstaunlichste an „Utopics“, an U (you) – Topic – Utopia
– Pics (Pixel), ist, dass es eine
„romantische“ Ausstellung ist. „U-To-Pics“ ist nichts anderes als eine
Versammlung von Träumen und Ideen für eine bessere, eine gerechtere Welt.
Humor, Subversion, Kritik, Freude, Tanz – alles hat hier Platz. Man muss es nur
ein bisschen suchen, real in der Stadt, mental im Kopf und zuweilen virtuell im
PC. Plaketten, die auf Werke und Künstlernamen verweisen, gibt es nicht. Wäre
ja auch unsinnig, einen „State of Sabotage“ (Robert Jelinek/Holunderweg) oder
einen unterirdischen Schmuggel-Tunnel (Marco Poloni/Elfenaupark) anzuschreiben.
Der Kurzführer mit erstaunlich präzisen Plänen leistet Dedektiven
Schützenhilfe, aber – so der Bieler Künstler René Zäch – am liebsten seien ihm
natürlich schon jene, die um nichts wissend zunächst meinten, sein Turm für
Gastkünstler in Biel sei ein kurz vor der
Realisierung stehendes Architektur-Projekt. Entsprechend präsentiert er es in einem büroähnlichen Container gleich vis-à-vis des geplanten Standortes über dem „Lokal.int“ ( Uraniaplatz).
Die Thematik von „Utopics“ ist keine Erfindung Lamunières, sondern eine Neu-Formulierung mit neuen Mitteln und Zeichen. Referenzen markieren die historischen Koordinaten. So verweist zum Beispiel das Schaufenster von O.N.S.,der Schweizer Naturisten, indirekt auf die Freikörperkultur der Lebensreformer vom „Monte Verità“. Und die „Panarchistische Verfassungsstelle“ der Berner „Firma für soziale Plastik“ (Martin Beutler) verweist unzweideutig auf Joseph Beuys’ erweiterten Kunstbegriff. Und als Drittes gibt es da – nur für Findige! – eine Kartonschachtel mit 13'720 cm2 der „Genialen Republik“ von Robert Filliou von 1971, in welcher die Freiheit der Gestaltung regiert. Ideale und Utopie sind in „Utopics“ Geschwister.
Glücklicherweise hat Simon Lamunière nicht ausgeblendet,
dass man Ausstellungs-besuchern nicht nur Ideen und Konzepte anhand von Pässen,
Fahnen und Traktaten präsentieren kann. So ist „Utopics“ denn eine Mischung aus
materiellen Inszenierungen, mentalen Welten und Pixel-Verweisen. Dank WLAN in
der Bahnhofstrasse reicht heutzutage ja schon ein iphone für den Einstieg in
die virtuelle Plastik im öffentlichen
Raum.
So ein bisschen alles in allem ist zum Beispiel die Blumen-Rondelle im Kongresshaus-Park. Die Gärtnerei Lachavann&Matthey hat hier für Peter Coffin (New York) das Logo der WIPO (der „World Intellectual Property Organisation“) als Blumenbild gepflanzt. Der Künstler gibt der
UNO-Organisation damit in sinnlicher Weise einer Art ästhetisches Feedback für ihre Arbeit. Schade nur, muss man eigentlich eine Leiter haben, um das Logo wirklich erkennen zu können.
Joseph Beuys sagte einmal: „Der Gedanke ist Skulptur“. Heute müsste man vielleicht ergänzen: „Virtualität ist Realität“. Und die Künstler machen sich das zunutze. Die chinesische Multimedia-Künstlerin Cao Fei zum Beispiel hat für Biel ein riesiges Bau-Plakat entworfen, das vorgibt, dass im Gebiet des ehemaligen Güterbahnhofs die RMB City gebaut werde, obwohl diese ein futuristisches Städtebauprojekt in „Second Life“ im Internet ist (rmbcity.com). Die „Second Life“-Plattform ist auch relevant für die Brasilianerin Fabiana de Barros, deren lange Jahre als Ort des Austauschs genutzter Kulturkiosk nun in der Nähe der Hohfluh (Mittelstation Magglingenbahn) in geheimnisvoller Weise daran ist, in die Erde zu verschwinden, um virtuell ein neues Leben beginnen zu können.
Emotionaler zu erleben ist „Reality Hacking“ Nummer 274 des
Zürchers Peter Regli. Er nimmt auf, dass wir alle einst in der Schule von
Bienenvölkern, Bienentänzen, Bienenstaaten gehört haben. Und präsentiert jetzt
mit einem guten Schuss Humor ein Opernhaus für Bienen (Holunderweg). Gewiss
theoretischer, aber den Gedanken von „Utopics“ gleichsam verkörpernd, ist das
Projekt der Genferin Mai-Thu Perret, die fernab der Zivilisation einen
Frauen-Staat gründete, der sich manifestartig von der
patriarchal-kapitalistischen Welt distanziert.
Eine Schrift-Arbeit auf der Fensterfront des Kongresshauses erzählt davon, kombiniert mit einer Marionette, die das Fiktionale des Unternehmens in Erinnerung ruft.
Die Künstler von „Utopics“ kommen aus vielen Ländern. Einige von ihnen sind international auf einem hohen Niveau bekannt wie etwa Andrea Zittel (Video/Hotel Mercure), Ryan Gander (Fahne/Felseck-Pavillon) Matt Mullican ( „Education Tool“/ A.-Schöni-Str.) oder Carsten Höller. Andere werden von Lamunière erst zu Künstlern erklärt, wie etwa der Bieler Parzifal mit seiner Esperanto-Welt oder Georgette Bertin, die Präsidentin der „République du Saugeais“ oder – eine Entdeckung– der Basler Peter Egli (1936-2001), dessen art brut-nahes Werk (Museum Schwab) bisher kaum bekannt war. Wenn die Ausstellung trotzdem einen starken Schweizer Akzent hat, so nicht zuletzt aus praktischen Gründen (Materialtransporte). Klein kann aber nichtsdestotrotz überraschend sein. So sollte man es nicht verpassen, sich im Optikergeschäft Matthey an der Murtenstsrasse Carsten Höllers Brille aufsetzen zu lassen, um die Welt auf dem Kopf zu erleben. So einfach ist das nämlich nicht!
Die Gründung der Schweizer Plastikausstellung 1954 war eine Pioniertat. Die Kunst geht ins Freie.
Die Plastikausstellungen von 1975/80 markierten den Übergang von der Skulptur zur ortsspezifischen Installation.
Vandalismus macht die Fortsetzung der Tradition nach 1985 schwierig.
Die Ausstellung von 1991 setzt auf klein, verhalten, versteckt – nicht zur Freude aller.
Es vergehen neun Jahre bis zur 10. Plastikausstellung im Jahr 2000. Transfert setzt auf Manifestationen im öffentlichen Raum. Die Ausstellung ist umstritten.
Niemand glaubt an eine Fortsetzung.
„Utopics“ ist ein überraschender Neubeginn. (AZW)
Kommentar
Die ersten Worte waren grosse Worte. Gefährliche Worte. Die
11. Schweizer Plastikausstellung solle künftig ähnlich wie Münster in
Deutschland oder Ars Unlimited in Basel ein „Mega-Event“, ein „Must“ im
europäischen Kulturkalender sein. Nähme man die Veranstalter heute, am Tag der
Vernissage, beim Wort, nebenstehender Text müsste ein „Verriss“ sein. Ist es
aber nicht. „Utopics“ ist zwar
kein Ereignis der Superlative, es gibt keine spektakulären Gross-Installationen
internationaler Shooting-Stars, aber es ist ein „Must“.
Der fehlende
Hauptsponsor zusätzlich zu den Geldern der Öffentlichkeit hat indirekt aus der
Not eine Tugend gemacht. Denn eine aus kleinen, zum Teil unauffälligen, aus dem
Untergrund wirkenden Arbeiten, die ihre Brisanz erst auf den zweiten Blick oder
bei exaktem Hinhören entfalten, entsprechen dem Kultur-Charakter von Biel als
Stadt des Auf- und Umbruchs, der Stadt von High-Tech und vergammelter
Nonchalance in einem in wesentlich höherem Mass als eine gestelzte Mega-Show.
Das Lieblingswort von Marc Olivier Wahler, dem Leiter der 10. Plastikausstellung im Jahr 2000, war „greffer“, was so etwas wie „einwurzeln“ heisst. Gelang es damals nur wenigen Arbeiten, sich so in die Stadt einzufügen, dass sie wie selbstverständlich da sind, so ist dies Simon Lamunières Konzept jetzt über weite Strecken gelungen. Wenn man etwas zunächst übersieht, ist das nicht nur negativ, denn es heisst ja auch, dass es sich integriert hat, dass Biel ihm Raum gewährt. Kunst erhält damit eine anderen Aspekt. Sie ist nicht das „Fremde“, das Konfrontierende, sondern das, was das Leben quasi aus sich selbst erweitert, neu und ein bisschen anders denkt.
Weckte der vor einem Jahr geäusserte Satz, „Utopics“ finde nur zufällig in Biel statt, weil eine Stadt dieser Grösse bezüglich Bewilligungen toleranter sei, bei den Ortsansässigen einige Skepsis, so ist man jetzt geneigt zu sagen: Utopics ist schlussendlich eine Bieler Ausstellung geworden – nicht ganz perfekt, nicht nur mit Neuestem auftrumpfend, trotzdem am Puls der Zeit, mutig, ein bisschen provokativ, aber nicht zu sehr. Eine Art Happy End. Was in den nächsten acht Wochen daraus entsteht, wird sich zeigen.