„Utopics“, die 11. Schweizer Plastikausstellung in Biel, gewährt Staatsideen und anderen Wunschträumen für 8 Wochen Asylrecht – mit Standorten quer durch die Neu-Stadt. Heute und morgen ist Vernissage.
„Totgesagte leben länger“, heisst es. Die 1954 initiierte
„Schweizer Plastikausstellung“ in Biel beweist es. Nach der 10. Ausgabe und
einigen Skandälchen im Jahr 2000 tot geschrieben, ist sie jetzt mit Simon Lamunière dem Direktor der „Art
Basel Unlimited“ als Leiter auferstanden. „Utopics“ nennt sie der Genfer und
meint damit nicht einfach Utopien, sondern eine Verkürzung von U (you) – Topic
– Utopia – Pics (Pixel). Das heisst, es geht um ebenso reale wie fiktive oder
virtuelle Gemeinschaften – seien es Pflanzen wie beim „Invasoren“-Projekt des
Schweizer Duos Steiner/Lenzlinger oder gusseiserne Dohlen-Deckel des „State of
Sabotage“ von Robert Jelinek, die ein weltweites Kanalsystem markieren.
Lamunières Vision kommt man am nächsten, wenn man die ursprünglichsten Definitionen von Utopie heranzieht, nämlich „Nicht-Ort“ und „Glücklicher Ort“. Die meisten „Mikronationen“ und anderen Staats-Insignien – Fabrice Gygis Fahne auf dem Volks-Haus zum Beispiel – die Biel wie ein Rhizom durchwachsen, zielen nämlich anarchistischer Elemente zum Trotz auf Ideale, auf die Verwirklichung von Träumen, von „sozialen Plastiken“.
Cao Fei
Dass Joseph Beuys und Fluxus-Künstler Robert Filliou Pate
standen, ist offensichtlich. 13'720 cm2 von Fillious „Genialer
Republik“ sind gar in Biel ausgestellt. Die Rückbindung an die
1960er-/70er-Jahre zeigt sich nicht zuletzt daran, dass einmal mehr versucht
wird, den Kunstbegriff zu erweitern. Zum Teilnehmerfeld gehören nämlich auch
der grüne „Parzifal“, der seit Jahrzehnten für Esperanto als Weltsprache wirbt
oder die Zöllner der 1947 gegründeten „République du Saugeais“.
Dass „Parzifal“ mit einem Tisch-Set, das in Restaurants ausgelegt ist, sowie sonntäglichen „Sonnentheater“ präsent ist, zeigt, dass „Utopics“ nicht auf spektakuläre Inszenierungen ausgerichtet ist, sondern sich – Biel durchaus entsprechend – eher subversiv eingenistet hat. Allerdings kann klein auch fein sein – so ist Carsten Höllers „Brille“, die einem die Welt upsidedown zeigt, nicht einfach ein Gag, sondern ein helmartiges Gerät, das den Besuchern von einer Optikerin angepasst wird, und die eigene Körperlichkeit blitzartig „auf dem Kopf stellt“!
Glücklicherweise war sich Lamunière der Problematik von Aktionen, von denen viele über dieses Wochenende stattfinden, von Konzepten und visuellen Ansprüchen seitens des Publikums bewusst und hat trotz nicht erreichtem Sponsoren-Budget eine gelungene Mischung von Greifbarem, Denkbarem und nur von einem PC aus Einsehbarem gefunden. Von den Aktionen sei zum Beispiel auf Nedko Solakovs ironischen Test des schweizerischen Demokratieverständnisses hingewiesen; der Künstler sammelt heute und morgen Unterschriften gegen das Initiativrecht.
Eine für das Thema virulente Arbeit stammt von der Genferin
Mai-Thu Perret. Die 33-Jährige gründete vor Jahren eine teils reale, teils
fiktive Frauen-Arbeitsgemeinschaft in Lateinamerika, die eine Antithese zur
heutigen Welt verkörpert. In Biel erzählt eine Schrift-Arbeit von ihren
Erlebnissen. Eine lebensgrosse Marionette verweist dabei zugleich auf die
Netzwerke der Welt wie auf den fiktionalen Charakter als Kunst-Werk. Insgesamt
umfasst die „Plastikausstellung“ knapp 50 Positionen.
„Utopics“ ist nicht direkt vergleichbar mit den
Freilichtausstellungen wie sie seit 1979 allüberall stattfinden. Die Differenz
zeigt sich vor allem im betont urbanen Charakter; so sind die Projekte denn
auch nicht in der Altstadt angesiedelt, sondern in der Neu-Stadt, in den
Entwicklungsgebieten, rund um Baustellen, in der Industriebrache; da, wo sich
Städtisches wie überall auf der Welt zeigt. Und sie dehnen den Skulptur-begriff
deutlich in die Gegenwart. So ist die chinesische Künstlerin Cio Fei mit einer
grossformatigen Bau-Tafel am Rand einer Baustelle präsent, die auf die
futuristische RMB-City hinweist, welche sie in „Second Life“ baut und betreibt.
Auch Fabiana de Barros, lässt ihren lange real genutzten Kulturkiosk im
Jura-Wald verschwinden, da auch er seinen Standort nun im World Wide Web hat.
Info: Samstag/Sonntag 29./30. August Vernissage. Ausstellung bis 25. Oktober. Offen: Di – Fr 12-18, Sa/So 11-18 Uhr. Empfang: Bahnhofplatz. Eintritt: 10 Franken inkl. Kurzführer (notwendig!). Katalog (engl.): 49 Franken.
Bilder: azw