„Die andere Sicht“ ist die achte
Kunst Textil-Ausstellung im Aarbergerhus in Ligerz überschrieben. Gemeint ist
der Umgang männlicher Künstler mit textilen Techniken und Materialien.
Kunst mit textilen Materialien in
Techniken wie Weben, Sticken, Nähen sind eine Domäne der Frauen. Auch heute
noch. In den acht Kunst Textil-Ausstellungen im Aarergerhus in Ligerz seit 2002
war bisher nie auch nur ein einziger Künstler vertreten. Kein Wunder war da die
Lust der Veranstalter, dies einmal zu überprüfen und nur Männer einzuladen.
Jürg Altherr, Roland Jung, Claude
Frossard, Ficht Tanner und Jürg Benninger sind der Einladung des Komitees
gefolgt, stellen sich der „gwundrigen“ Frage, was sie denn anders machen. Die
fünf sind nicht etwa Jung-Künstler, die alte Zöpfe abgeschnitten haben und
frisch von der Leber weg mit jenen Materialien Kunst schaffen, die sie
faszinieren, unabhängig von altbackenen Traditionen. Nein, sie sind zwischen 43 und 74 Jahre alt.
Interessant ist es darum, ihre „andere Sicht“ und/oder andere Arbeitsweise
unter die Lupe zu nehmen.
Der Appenzeller Ficht Tanner (geb.
1952) kommt aus einer Gegend, in der die Stickerei zur kollektiven Identität
gehört. Lange verstand er sich als Zeichner, doch als er eines Tages eine
Nach-Stickmaschine erwerben konnte, änderte sich das. In kurzer Zeit wurde er
zum Maschinen-Stick-Meister – fast wie auf der Bassgeige – seinem zweiten
„Instrument“. Inhaltlich blieb er dabei wo bisher schon – im Land der
fantastischen Natur, die sich streckt und reckt, lippenförmig weitet und
vielarmig verschliesst. Bis in die
letzte Ecke bestickt, ergeben die vegativen respektive körpernahen
Versatzstücke ein buntes Kaleidoskop. Das „Versäubern“ der Arbeit überlässt der
Herr der Stickmaschine allerdings seiner Lebenspartnerin: „Nähen kann ich
nicht.“
Was, so staunt man, hat Jürg
Altherr (geb. 1944), der Künstler von „Equilibre“ auf dem Bieler Strandboden,
hier zu schaffen. Er nutzt den Faden, oft auch zerschnittene Strümpfe, strikte
funktionell. Sie dienen ihm im Modell als „Stahlseil“ oder sie verdeutlichen, einem Gerüst übergestülpt, die
äussere Form. Indirekt zeigen seine Modelle und die gewagte, raumgreifende
Ketten-Balance im Hauptraum, wie umfassend die Strukturen des Textilen sind. Seine
Art und Weise Skulptur als offene Form zwischen Druck und Zug zu figurieren,
faszinierte seinerzeit schon Elsi Giauque (1900-1989), die Schirmherrin der
Ligerzer Ausstellungen.
Der zwischen zwei und drei
Dimensionen arbeitende Zürcher Künstler Roland Jung (geb. 1941) nutzte schon in
den 1970ern einen Webstuhl, um semitransparente Doppelfolienbänder in eine
strenge Web-Architektur einzuziehen und mit kleinen Drehungen so rhythmisieren,
dass eine Art „Partituren“ entstanden. Heute arbeitet er mit vervielfachten
Streckgittern, deren textile Struktur er mit den metallenen Eigenschaften
kombiniert und daraus wellenförmige „Vorhänge“ schafft. Seine Beziehung zum
Textilen ist somit eine primär technisch-konstruktive; dieses „Unweibliche“
mochte schon Elsi Giauque an seinen Arbeiten.
Geradezu „subversiv“ ist der
Einbezug von Claude Frossard (geb. 1934) aus dem nahen St. Aubin, denn die
gewobenen Papier-Texturen aus Alt-Zeitungen werden von seiner Frau Andrée
gewoben, während er sie anschliessend
mit verhaltenem Farb- und Reliefeinsatz bemalt respektive prägt. Allerdings
bildet das Paar eine Langzeit-Einheit, die Gendergrenzen obsolet erscheinen
lässt, schon 50 Jahre dauert ihre Zusammenarbeit.
Der deutlich jüngste, frivolste,zeitgenössischste im Quintett ist der in Genf lebende Luzerner Jürg Benninger
(geb. 1966). Er häkelt seine
Figuren von A bis Z selbst und thematisiert dabei sehr persönliche Erlebnisse
und Empfindungen. Von „Bräuten“, „Königssöhnen“ und anderen „Bademeistern“ ist
die Rede. Er liebe „Luftmaschen“ sagt er und verweist auf die Autonomie der
Fantasie, auf die Wolle als Material der Kleidung, die er mit der Haut
gleichsetze und so die Schranke zwischen Innerem und Äusserem auflöse. Zu
meinen, er - der „textilste“ aller
fünf Künstler - erlebe heute keine verwunderten Blicke mehr, täuscht sich.
„Einen Wolladen zu betreten, ist für mich noch heute schwierig und ich
werde oft betrachtet als wäre ich
ein Einbrecher“, sagt er.
Info: Ausstellung bis 27.
September. Offen: Mo bis Fr 14-18, Sa/So 12-18 Uhr. Führung: 20. Sept. 15 Uhr.