Viniterra 2010 Ulrich Studer Standpunkt 2009

Chancen und Risiken zwischen Erinnerung und Vorfreude

 

www.annelisezwez.ch     Annelise Zwez in Bieler Tagblatt vom 1. Oktober 2009


Viniterra1: Die Erinnerung an die sommerlich laue Karfreitagnacht im Jahr 2000, als die Rebmauern von Vingelz bis La Neuville zu leuchten schienen, ist intensivst. Es ist, als ob es gestern gewesen wäre, dass sich die Lichter der Kerzen in den Aluschalen im Moment, da die Dämmerung in Nacht umschlug, auf einmal als Widerschein der Jura-Steine zeigten. Wie waagrechte Linien zeichneten die „brennenden“ Mauern die Rhythmen des Rebberges; bis zum ersten Licht des anderen Morgens.


Die Ankündigung, dass der Land-Art-Künstler Ueli Studer  Viniterra im August 2010 wiederholen würde, löste bei den einen Vorfreude aus, bei den anderen Skepsis, vielleicht sogar Angst, Viniterra 2 könnte das Kostbare der Erinnerung an etwas Einmaliges zerstören. Wie viele Künstler haben später bereut, dass sie Höhepunkte zu rekonstruieren versuchten. Meret Oppenheim etwa als sie in Paris das legendäre Berner „Déjeuner“ auf dem nackten Körper einer liegenden jungen Frau noch einmal präsentierte.


Ueli Studer war sich der Gefahr glücklicherweise von Anfang an bewusst. „Keine Angst“, schrieb er in einem ersten Mail, „Viniterra 2 wird ganz anders“. Eigentlich hätte man von Anfang an wissen müssen, dass der Künstler dem legitimen Wunsch nach Promotion der Bielersee-Landschaft durch Kunst nur so weit entgegen kommen würde wie er es innerlich konnte und wollte.


„Anders“ ist leichter gesagt als getan. Wie anders als mit Licht konnte er die „Signatur der Landschaft“ – das Merkmal seines Kunstschaffens – raumgreifend und für Tausende von Menschen gleichzeitig erfahrbar machen? Das Konzept von Viniterra 2 ist kein Schnellschuss. Dass es Klänge sein sollten, war Ueli Studer  zwar ziemlich schnell klar – aber wie das entscheidende Moment einfangen, dass nicht einfach Menschen Töne erzeugen, sondern die Landschaft, die Erde selbst die ihr eingeschriebenen Klänge preisgibt?


Er hat lange mit einem Chor geprobt und wusste dann, das ist es nicht. Es durfte keine Komposition sein, die Instrumente mussten im Zentrum stehen, nur sie würden im Verbund mit dem Menschen Erhörtes, Erspürtes, Erfahrenes zum Ausdruck bringen können. Der Gedanke ist nahe liegend und dennoch für den Künstler mit Emotionen verbunden. Ueli Studer ist von seiner Ausbildung her Musiker, er studierte an der Schola Cantorum Basiliensis, doch 1996 beendete ein Unfall seine Karriere als Trompeter und die visuelle Kunst trat ins Zentrum. In Viniterra 2 verbinden sich Land Art und Klang Kunst erstmals. Das ist für den Künstler möglicherweise ein wichtiger Schritt in die Zukunft.


„Viniterra 2 wäre ohne Viniterra 1 nie möglich“, sagt Studer klipp und klar. Nur die endlos langen Aufenthalte im Rebberg um die Jahrtausendwende haben dem Landschafts-forscher die Eigenart der Rebberge am Jurasüdfuss so eingeschrieben, dass sie zu seinem Wissensspeicher gehören. Dass er sie quasi „hört“ und sich daraus die Lust konkretisieren konnte, auf der Achere die Stimme zum Klingen zu bringen, beim Engelberg die Töne der Zivilisation zu verwandeln, bei der Twannbach-Schlucht Posaunen und Trompeten und rund um die Kirche von Ligerz die Glasharfe einzusetzen.


Mit diesem Konzept kontert Studer auch gleich ein weiteres Risiko; die Gefahr nämlich, dass Viniterra 2 dieselbe „Ahnung des Universums“ heraufbeschwört wie die „Leuchtschrift“ von Viniterra 1, nur mit anderen Mitteln. Trug die Idee des Widerscheins durch Licht klar die Handschrift des Künstlers, so ist die Klang-Landschaft zwar auch seine Idee, aber im Verbund mit einer Vielzahl von Spezialisten, die ihr spezifisches Wissen gleichermassen einbringen. Dass die Klangtests in der Twanner Seebucht „Ges-Dur“ ergaben, ist Resultat einer Zusammenarbeit mit Edgar Bridevaux. Die Stimm- und Atemübungen der auf der Achere „Singenden“ leitet Katharina Holenweg-Jakob, die Feuerorgel ist die Domäne von Vera Fabbri und für die Ausweitung der Glasharfenklänge von Ligerz bis Schafis zeichnet Ben Jeger.


Nichtsdestotrotz wird es für Ueli Studer nicht einfacher sein, denn es gilt für ihn nun, die Ideenfülle, die ebenso von den Mit-Klangkünstlerinnen und -künstlern wie von seiten des Organisationsteams auf ihn eintrommeln, immer und immer wieder zu erden, die leise Stimme des Projektes, das meditative Moment, das auch Viniterra 2 braucht, um gehört zu werden, wie einen kostbaren „Stein der Weisen“ zu hüten. Keine leichte Aufgabe in unserer Zeit.