Ab heute werden die Werke der 11. Schweizerischen Plastikausstellung in Biel abgebaut. Geschätzte 9000 Besucher sind seit Ende August auf der Suche nach „Kunst“ durch die Stadt geirrt. Versuch einer Bilanz.
Wäre im Rahmen von „Utopics“ ein Publikumspreis ausgeschrieben gewesen, so wäre er – einer nicht repräsentativen Umfrage zur Folge – dem Burgdorfer Duo Lang/Baumann mit seiner Treppe ins Nichts zugesprochen worden. Kein Wunder, entspricht die Arbeit am Kongresshausturm doch am stärksten der Vorstellung des Publikums von Skulptur im öffentlichen Raum. Traditionen bedienen war indes nicht die Intention von „Utopics“.
Den Schwarzen Peter hätte – gemäss den an die Ombudsstelle
im Lokal.int gerichteten Reklamationen – der Kurzführer respektive das darin
enthaltene Orientierungssystem erhalten. Insbesondere für Nicht-Bieler war es
offensichtlich eine Überforderung, Plan, Verzeichnis und Beschreibung unter
einen Hut zu bringen. Das „nervte“ viele von Anfang an derart, dass sich sehr
bald negative Gefühle breit machten, welche einer positiven Einstellung zum
Abenteuer „Utopics“ alsobald einen Riegel schoben. Das verhinderte auch vielfach,
dass entlegene Arbeiten aufgesucht wurden und persönliche Einschätzungen
aufgrund individueller Teil-Austellungen formuliert wurden. In unserer
„Umfrage“ zum Beispiel fand sich niemand, der das Video von Clemens von
Wedemeyer mit Studenten der Fachhochschule Basel in der Talstation der
Magglingenbahn gesehen hat. Dabei war die Dedektiv-Geschichte um „entführte“
Künstler eine köstliche, die Problematik heutiger Ausstellungspraxis direkt auf
die Schippe nehmende (es stand im BT).
So sind zahlreiche Kritiken schlicht falsch – etwa, es habe
zu wenig für Biel konzipierte Arbeiten gehabt. Ein Nachzählen ergab nämlich,
dass nahezu die Hälfte aller Projekte für „Utopics“ entstand, von Golinskis
Friedhofs-Knurren über Reglis „Opernhaus“ bis zu Polonis „Tunnel“. Oder die
Anmerkung Biels Zweisprachigkeit sei nirgendwo ein Thema. Auch das stimmt
nicht, nur endete die Stadtführung“ von Holmkvist/Thal im Vorwurf, der
Bilinguismus sei ein Riegel wider die Multikulturalität der Stadt...
Die Schwierigkeit bei Austellungen wie „Utopics“, so meinte
Nika Spalinger, die 2000 für „Transfert“ ein unterirdisches Bieler
Autobahn-Netz „installiert“ hatte, sei immer wieder, eine elitäre
Kunstauffassung mit den Erfordernissen von deren Vermittlung zu verknüpfen. Und
genau diese Schwierigkeit hat Utopics nicht gemeistert, genau dafür hat sich
Simon Lamunière als künstlerischer Leiter definitiv zu wenig eingesetzt. Er
hatte zu sehr die theoretische
Diskussion um Kunst heute, um den Skulpturbegriff im urbanen Raum im Kopf und
zu wenig, dass eine ausserhalb geschützter Museumsräume stattfindende
Ausstellung die Öffentlichkeit erreichen muss; inhaltlich und visuell.
Wie weit in der Zukunft die konzeptuelle Ebene von „Utopics“, Lamunières Frage nach visionären Gemeinschaften im realen, im fiktiven, im digitalen Raum, die Erinnerung an Biel 2009 prägen wird und nicht mehr das individuelle Ärgernis, ist schwierig vorauszusehen. Heutige Erinnerungen an die Plastikausstellungen von 1991 und 2000 zeigen zumindest, dass Rückblicke die Tendenz zur Idealisierung haben. Erinnern sie sich noch an den Bahnhof Biel, halb hell, halb dunkel (1991) oder an die Plastikutensilien am Geländer der Schüss (2000)? Heute bietet sich das Internet als „Second Life“ geradezu an. Auf „Youtube“ gibts bereits zahlreiche Clips zu Utopics. Auch die neue Homepage der Plastikausstellung wird als „Gedächtnis“ wirken.
Bereits fest steht, dass es „Utopics“ gelungen ist, nicht eine weitere Freilichtausstellung im Stil von Bex, Môtiers, Ragaz etc. zu sein, sondern mit Leben heute (oder morgen) spiegelnden Projekten Fühler in die sich zugleich in Parallelwelten aufsplitternde wie paradoxerweise immer uninformierter werdende Gesellschaft auszustrecken. Erwähnt seien zum Beispiel die Internet-Arbeit von Friese/Jas, die „Second Life“-Arbeit von Ciao Fei, die immer dasselbe publizierende „Gratis-Zeitung“ von Rittener/Demierre/Martini, der schweizerische Demokratie hinterfragende Stand von Solakov. Oder als Kontrapunkt die „Brille“ von Carsten Höller, die blitzartig aufzeigte, wie konditioniert unser Körper ist und binnen Sekunden aus dem Gleichgewicht fällt, wenn er die Welt auf dem Kopf sieht. Der Gedankenanregungen gäbe es noch unendlich viele.
Auf der Realebene kann Utopics als Positivum verbuchen, dass „Vandalismus“ nie zum Thema wurde. Gab es wirklich keine Lausbubensstreiche, fragten wir Betty Stocker, welche im Hintergrund enorme „Knochenarbeit“ für Utopics leistete. „Oh doch“, sagt sie, „aber ‚unser Mann für alles’ hat dafür gesorgt, dass alles innert kürzester Zeit wieder sauber, reinstalliert, ersetzt war“. Sagt es und zieht ein Plastiksäcklein mit verknorzten Ein- und Zweifränkler aus der Schublade, das ihr die Polizei kürzlich übergeben hatte nachdem sie einen „Münzenklauber“ auf dem Walserplatz (Projekt „Superflex“) in flagranti erwischt hatte.
Es wurden gut 3000 Kurzführer verkauft – knapp ¾ davon deutschsprachige.
Weil ein Führer mehreren Personen diente, andere nur mit dem Plan unterwegs waren, wird mit dem Faktor „drei“ gerechnet. Das heisst eine Besucherzahl von rund 9000 geschätzt.
Eine Antwort auf die Frage, warum „Utopics“ in der Deutschweiz viel mehr als in der Romandie rezipiert wurde, hat niemand.
Dies ist umso erstaunlicher als die „Muttersprache“ von Utopics mehrheitlich französisch war (Lamunière, Montmollin etc.).
Das Budget von rund 1.3 Mio Franken konnte nach heutigem Wissenstand eingehalten werden.
Die 12te Plastikausstellung soll 2014 stattfinden. Ob sich dereinst genügend öffentliche und private Gelder dafür finden werden, steht vorläufig noch in den Sternen.
Bildlegende:
Als Merkzeichen von Bedeutung: Der „Utopics“-Informationspavillon am Bahnhof. Bild: azw