Mit 20 entfloh
Valérie Favre der Enge der Romandie. Nun sind ihre herausfordernden, narrativen
Bilder erstmals in der Schweiz zu
sehen. Peter Fischer hat die 50-Jährige ins Kunstmuseum Luzern eingeladen.
Als Valérie Favre in den späten 1970er-Jahren in Paris ankam, schlug sie sich als Bühnenmalerin durch und rutschte so in die Theater- und bald auch die Filmwelt der französischen Metropole. 10 Jahre arbeitete die in Biel und Neuenburg Aufgewachsene erfolgreich als Schauspielerin. Dann wurde ihr bewusst, dass sie eigentlich gar nicht Interpretin, sondern Autorin sein wollte. So wurde sie bildende Künstlerin. Der Pariser Szene folgend standen ihr hierbei vor allem Duchamp und seine Nachfahren im Bereich der Konzept- und Minimal Art Pate. Bis sie 1996 erstmals nach Berlin, der Stadt des immerwährenden Expressionismus, kam und daraufhin beschloss, ihre Zelte an der Spree aufzuschlagen. Hier wurde es ihr endlich möglich, Bildergeschichten zu entwickeln, Literatur, Theater, Film und Kunstgeschichte mit den Mitteln der Malerei in eine ihrer Vision entsprechende Form zu bringen.
Die in den letzten 10
Jahren in Berlin entstandenen Bildserien stehen im Zentrum der Ausstellung im
Kunstmuseum Luzern. Zum Teil sind es enzyklopädische Reihen wie die „Selbstmord-Serie“,
die tagesaktuelle Bilder, Hollywoodszenen und künstlerische Darstellungen
apropriiert und in malerisch reduzierter Form zur Darstellung bringt. Oder es
sind Interpretationen von Bildern der Kunstgeschichte, wie etwa der „Drei
Hexen“ von Johann Heinrich Füssli oder der „Kreuzabnahme“ von Rembrandt van
Rijn. Hier wie dort sind feministische Untertöne nicht zu übersehen, aber auch
nicht die Liebe der Künstlerin zum Circensischen. So wandelt sie zum Beispiel
die rembrandtschen Figuren in Majoretten oder sie spielt genüsslich mit den
Gesichtszügen der drei „Zauberinnen“.

Parallel zu diesen betont erzählerischen Werken gibt es aber auch einen Werkstrang, der die Rolle der Künstlerin selbst thematisiert. Trug dieses „Ich“ anfänglich noch kindliche Züge, wurde es später zur selbstbewussten „Häsin“, die sich mit kalkuliertem Sex Appeal unverfroren in Szene setzt und es selbst mit der reichlich entzauberten hollywoodschen „Columbia“ aufnimmt. Dieses „sich messen“ initiierte vielleicht auch die Reihe der grossformatigen „Informels“, die zugleich Hommage an Gerhard Richter sind wie auch Herausforderung zum Duell.
Ein dritter Strang
schliesslich hat in gewissem Sinn märchenhafte, romantische Züge. Die Bilder
erinnern nicht zuletzt an die Liebe der französischen Kultur zu den Fabeln La
Fontaines, die Favre in ihren Adaptionen gerne ins surreale driften lässt, etwa
in „Le Lièvre et la Tortue“, aber auch den „Volièren“ in der Szenerie von
Böcklins „Toteninsel“.
Was das Besondere der Werke
von Favre ausmacht, ist nicht Virtuosität, ist nicht Peinture, sondern die
spitze und belesene, wache und vife Art und Weise, wie die zierliche Künstlerin
mit Versatzstücken verschiedenster Provenienz ihr eigenes Welttheater
formuliert. Ohne falsche Bescheidenheit, mit Humor und Ironie, die Zärtlichkeit
und romantische Sehnsüchte ebenso einschliesst wie das eigene Spiel mit der
Schöpfermacht der Malerei. Peter Fischer ist es mit der erstmaligen
Repräsentation der Künstlerin in der Schweiz gelungen, die hiesige Malereigeschichte
um ein markantes Kapitel zu erweitern.
Ausstellung bis 7. Februar 2010. Publikation in der Reihe von „Binding Séléction d’Artistes“ in Zusammenarbeit mit dem Carré d’Art-Musée d’Art contemporain, Nîmes. Verlag Hatje Canz. 49 Franken. Rahmenprogramm: www.kunstmuseumluzern.ch
Bildlegende:
Valérie
Favre: „Columbia Variation“ (aus der Serie „Idiotinnen“), 2007, Öl auf Papier,
172 x 151 cm. Bild: zvg/ ©Pro Litteris Zürich