2007 drehte Barbara Meyer Cesta in der ägyptischen Wüste eine Komödie, die hinter Sonne und Sand hochpolitisch ist. Das 3-Kanal-Video hat in der „Auswahl 09“ im Aargauer Kunsthaus in Aarau Première.
Eine der markantesten Arbeiten der „Auswahl 09“ im Aargauer
Kunsthaus ist die raumgreifende Videoproduktion „Eat at Joe’s“ von Barbara
Meyer Cesta. Nach aufwändiger Studio-Arbeit ist der 2007 während eines
Atelier-Aufenthaltes in Ägypten entstandene 27-Minuten-Film nun erstmals als
3-Kanal-Projektion zu sehen. Beeindruckend ist nicht nur der vom Script her
Polanskis Kurz-Komödie „Ssaki“ (1962) nachempfundene Film an sich, sondern
ebenso die bezüglich Umsetzung äussert risikoreiche Realisation vor Ort. Leider
ist in Aarau die zwingend als Interaktion zu verstehende Einheit von Bild,
Script und Produktion (noch) nicht vollumfänglich fassbar. Das BT zeigt die Hintergründe auf.
Die Geschichte ist zunächst ebenso simpel wie absurd: Ei
n
junger Mann rennt mit einem Banner durch die Wüste und wirbt für die kultige
Imbissbude „Eat at Joe’s“. Dabei wird er von einer Gruppe junger Männer und
Frauen verfolgt, mal überwältigt, dann wieder aufgerichtet, umarmt, sogleich
wieder angegriffen usw.
Der Loop hat drei Kapitel. Statt „Eat at Joe’s“ erscheint auf dem Banner plötzlich ein Text mit arabischen Schriftzeichen und danach mit hebräischen. Wie Schatten auf dem Sand tanzend schaffen Buchstaben zwischendurch Klärung: aus englisch wird arabisch, dann hebräisch; aus arabisch wird englisch, dann hebräisch und so fort. Die vom Künstlerpaar Effi&Amir stammenden arabisch/hebräischen Stichworte, die „Eat at Joe’s“ im geopolitischen Umfeld ausloten, heissen einmal „leer“ (hebräisch), einmal „umsonst“ (arabisch).
Nicht untypisch für Arbeiten, die Barbara Meyer Cesta
allein, also nicht mit Partner Rudolf Steiner oder als Haus am Gern
verwirklicht, liegt die künstlerische Relevanz in der Vielschichtigkeit der sprachlichen, politischen,
gesellschaftlichen Implikationen. Allein über das Dreieck von „Eat at Joe’s“,
das schon in den Comics von Tex Avery auftaucht, und den Begriffen „leer“ (auch als „fruchtlos“
übersetzbar) und „umsonst“ (auch als „mach nicht“ transkribierbar) könnte
abendfüllend diskutiert werden.
Nicht vorstellen können wir uns hierzulande, dass das politisch riskanteste Vorgehen im Film die Gleichzeitigkeit arabischer und hebräischer Schrift ist. So sehr, dass die Künstlerin während des Filmens aus Sicherheitsgründen auf Schrift verzichten musste und die Zeichen nachträglich als Animation einfügen musste (wer exakt schaut, sieht das im Film). Geradezu Wahnsinn sei es gewesen, so Meyer Cesta, den Film im Sommer zu drehen, bei 50° Hitze.
Alle hätten ihr abgeraten, doch das Unmögliche sei Teil des Konzeptes
und sie hätten es geschafft; dank Bestechung sogar ohne militärische
Überwachung. Unmöglich sei eigentlich das Ganze gewesen, denn für Ägypter,
geschweige denn für Ägypterinnen, sei es höchst gefährlich, in einer
Filmproduktion zum Thema Ägypten/Israel mitzuwirken. Sie habe selbst vor Ort
aufwändige Überzeugungsarbeit leisten und die Verantwortung übernehmen müssen,
erzählte die Künstlerin dem BT, doch „ich wollte das erproben, um zu lernen“.
Wer den Film einfach so konsumiert, unterschätzt den
Hintergrund massiv. Darum ist an Vermittlung zweifellos noch zu arbeiten.
In Kairo ist man sich dessen aber
sehr bewusst, darum hat die Pro Helvetia, welche die Produktion zusammen mit zahlreichen anderen Institutionen
finanzierte, die Arbeit für die kürzlich in Kairo realisierte Ausstellung mit
in Ägypten entstandenen Werken von Schweizer Kunstschaffenden aus politischen
Gründen refüsiert.
Umso dankbarer ist Barbara Meyer Cesta, dass sie den Film nun im Rahmen der Jahresausstellung in Aarau (sie ist Bürgerin von Wohlenschwil) technisch einwandfrei zeigen kann. Neben politischen Momenten geht es ja auch um filmische. So sind zum Beispiel die drei HD-Projektionen synchronisiert, auf allen drei Ebenen spielt sich dasselbe ab, aber die drei Kameras fokussieren nicht dasselbe. Während die eine die landschaftliche Gesamtsicht, das Geschehen im Niemandsland, im Visier hat, verfolgt die zweite den Hauptdarsteller und die dritte die Verfolgergruppe.
Die Kamerapositionen respektive der variable Umgang mit dem Zoom lassen überdies Nähe und Distanz, Schärfe und Unschärfe zum spannenden Dialog unterschiedlicher Blick- und Wahrnehmungsmöglichkeiten werden.
Ziel der Künstlerin ist es nach wie vor, den Film in Ägypten und in Israel zeigen zu können, als Dank für den Mut der Mitmachenden, und um damit etwas zur Stärkung des interkulturellen Austauschs beizutragen. „Im Moment fehlt mir aber einfach das Geld dazu“, sagt Meyer Cesta mit Bedauern.
Info: Die „Auswahl 09“ im Aargauer Kunsthaus in Aarau dauert bis 10. Januar. Offen: Di-So 10-17, Do 10-20 Uhr. Feiertage: Normal geöffnet, ausser 24/25. Dezember.
Barbara Meyer Cesta
1959 Geburt in Aarau
Aufgewachsen in Olten.
Ausbildung und Tätigkeit als Keramikerin/Bildhauerin in der Schweiz und in Italien.
1989/94 Eidgenössische Design Preise
1995-98 Klasse für freie Kunst an der Schule für Gestaltung in Bern.
1996/99 Stipendien der Aeschlimann-Corti-Stiftung
Ab 1997 Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner, 1999 Gründung von „HausamGern“.
Weiterhin eigene künstlerische Projekte; u.a. ab 1998 als Work in progress: „Ich schreibe das Buch der Bücher“ (öffentliche Abschrift der Bibel).
Arbeitet teilzeitlich als Beauftragte für visuelle Kommunikation/Webdesignerin beim paläontologischen Dienst des Kantons Jura in Porrentruy.
Bis 2000 Atelier in Langenthal, bis 2006 im Atelier Robert in Biel.
2003 „Barbie“ – Einzelausstellung in der Galerie Quellgasse in Biel
Wohnt und arbeitet aktuell im Annex-Bau des Centre Pasquart in Biel und in Rondchâtel.
2009 Preis für bildende Kunst des Kantons Solothurn, Frauenkunstpreis des Kantons Bern.