Auf walserschen Spaziergängen durch Stadt und Land sammelt
Katrin Hotz (geb. 1976) unscheinbare kleine Pflanzenfragmente: Blüten, Blätter,
Nadeln, Kapseln und vieles mehr. Als hätte sie einen wissenschaftlichen
Auftrag, präpariert sie winzige Teilchen auf einem Diapositiv-Glas und
beträufelt sie mit sauren respektive öligen Lösungen. Dann schaut sie zu, was passiert, treibt den
Auflösungs-Prozess zwischen Trocknen und Verwesen nochmals voran oder fixiert
di
e Anordnung mit einem zweiten Glas und einem Rähmchen.
80 solche Diapositive kombinierte sie zu den „Fragments d’un bouquet de fleurs“, die nun im Kunsthaus Glarus auf eine etwa 2 x 3 Meter grosse Wand projiziert sind. Die Vergrösse-rung, die feinste Strukturen sichtbar macht, aber auch das schattenhafte Hell/Dunkel, die Transparenz, eines Blütenblatts zum Beispiel, lässt die Präparate als faszinierende Natur-Zeichnungen erscheinen. So lange allerdings nur bis das Licht erlischt.
Katrin Hotz steht mit dieser und einer zweiten grossen
Arbeit mit dem Titel „Im Gehirn ist harzig die Erinnerung“ im „Fokus“ der
Glarner Jahresausstellung. Diese ist im Dreijahres-Turnus aufgeteilt in
Kunstschaffende von A-H, von J- Q und R-Z und ist unjuriert. Die Tradition sowie der Fokus-Preis, das heisst
die Aussicht auf eine Einzelausstellung im darauf folgenden Jahr, führt jeweils
zu einem orts-spezifischen, charmanten Potpourri zwischen Naivität und
Professionalität aller tätigen Generationen. Mit einem markanten Werk ist heuer
übrigens auch die Bielerin Pat Noser, Bürgerin von Niederurnen, vertreten.
2008 wurde Kathrin Hotz von einer Fachjury zur
Fokus-Preisträgerin erkoren. Hotz ist in Glarus aufgewachsen, absolvierte da
eine Lehre als Typographin und besuchte danach die F+F, Schule für Kunst und
Mediendesign in Zürich. Von hier wechselte sie 2001 an die „Ecole Cantonale
d’Art“ in Sitten, die sie 2003 mit einem Bachelor of Arts und 2007 mit dem
Master of Art in Public Spheres abschloss. Respektive sie wechselte die Seite,
ist sie doch seither daselbst teilzeitlich als Dozentin tätig. In der
Kunstszene trat sie bis 2005 primär als Duo mit Ingrid Käser auf, so auch im
Pasquart in Biel.
Trotz zeitgemässer Multimedialität war die Zeichnung für Kathrin Hotz stets die ihr am nächsten stehende Äusserungsform, analog der Thematik, die sie im Naheliegenden, im Alltäglichen, am Wegesrand sucht und findet. Nach einem „Entreacte“ in Fotografie, mit welcher sie unter anderem an den Bieler Fototagen 2007 vertreten war, steht die Zeichnung respektive die mediale Ausweitung des Zeichnerischen nun wieder im Mittelpunkt. Ob sie dabei Natur-Fundstücke heranzoomt oder direkt aus dem in ihrem Innern gespeicherten Formenfundus mit Tusche auf (gebrauchtes) Papier zeichnet oder malt, ist unwesentlich. Entscheidend ist die „Sprache“ des bildlich Erscheinenden. Hotz bezieht sich auf die ursprünglich asiatische, ab dem 18. Jahrhundert auch europäische Tradition „mit Blumen zu sprechen“. Es gehe ihr darum wortlos, durch die Bilderscheinung, Gefühle, Empfindungen – auch Beschwerden – mitzuteilen. Als eine Art Bildpoesie quasi.
Der zweite Teil ihrer Ausstellung in Glarus, der
Zeichnungskomplex „Im Gehirn ist harzig die Erinnerung“ von 2009 ist als Auslegeordnung auf glasbelegten langen
Tischen präsentiert. Blumen erscheinen auf den kleinen, wenig farbigen Papieren
keine; dennoch ist die „Sprache“ mit jener der Diapositive verwandt; die
Beschäftigung mit dem einen generiert im anderen Ähnliches. Das „Labor“, in
welchem sie die die Fundstücke in die Veränderung treibt, ist hier die
Intuition, das sich aus nicht rationalen Zonen Ausformuliernde. Da werden
Flecken zu Tieren, Wolken zu Körpern, Linien zu Wäldern, Gefässe zu Brutstätten
und umgekehrt. „Oft ist eine Zeichnung erst nach zwei oder drei Durchgängen
fertig“, sagt die Künstlerin und betont damit auch hier das Prozessuale.
Die Zeichnungen sind in ihrer Art nicht neu, sie wurzeln im Schaffen wichtiger Künstlerinnen der 1980er-Jahre als die intuitive Bildfindung Hochkonjunktur hatte. Dennoch sind Hotz’s Papierarbeiten von emotional berührender Eindringlichkeit. Zeitgenössischer und autonomer in der Gestaltung sind aber ihre „Labor“-Experimente und die verblüffende Potenzierung ihrer Erscheinung als Licht-Projektionen. Die Bieler Kulturkommission hat dies beim Gesuch um einen Werkbeitrag erkannt und somit – im Verbund mit dem Kanton Bern und anderen Institutionen – die Ausstellung in Glarus erst ermöglicht.
Info: Die Glarner Jahresausstellung dauert bis zum 17. Januar. Das Kunsthaus befindet sich in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. Offen: Di-Fr 14-18 Uhr, Sa/So 11-17 Uhr, 24/25./31. Dez. sowie 1.Jan geschl.
Das modernistische Glarner Kunsthaus (erbaut 1952) ist von architekturgeschichtlicher Bedeutung.
Trägerin des Kunsthauses ist der lokale Kunstverein (gegründet 1870).
Seit 1992 wird das Museum professionell geführt. Für mehrere jungen Kunsthistorikerinnen (darunter Annette Schindler, Beatrix Ruf, Nadia Schneider) war die Leitung Sprungbrett.
Seit 2008 wird es von Sabine Rusterholz (vormals Kunstmuseum Solothurn) geführt.
Das Programm ist auf zeitgenössische junge Kunst ausgerichtet.
Die Ausstellungen 2008/9 galten u.a. Maja Bajevic, Kilian Rüthemann, Davide Casio, Huber.Huber, Raphael Hefti.