Die Bieler Kunsthistorikerinnen Hélène Joye-Cagnard und Catherine Kohler, Co-Direktorinnen der Bieler Fototage, realisieren 2010 als Vollamt-Kuratorinnen zahlreichen Ausstellungen in der weiteren Region.
Das „Comitée“ der Bieler Fototage hatte eine glückliche Hand
als es 2007 die sich erstmals als Team präsentierenden Bieler
Kunsthistorikerinnen Hélène Joye-Cagnard und Catherine Kohler zum Leitungs-Duo
der Bieler Fototage wählte.
Denn die in Neuchâtel respektive Genf ausgebildeten
Kunstwissenschafterinnen haben nicht nur die Fototage erfolgreich
weitergeführt; die beiden verstehen und ergänzen sich so gut, dass sie es 2009
wagten, ihre zusätzlichen Brotjobs als Mitarbeiterin im Centre Pasquart
respektive als Buchhändlerin im Antiquariat Thierstein aufzugeben, um sich
fortan als freie Co-Kuratorinnen vollamtlich der Konzeption und Realisation von
Kunstausstellungen zu widmen.
Nicht weniger als sechs kleinere und grössere Ausstellungen stehen bis Herbst 2010
an. Die Fototage mit ihren zweimal 40%-Pensen bilden das Rückgrat, doch
Joye/Kohler zeichnen heuer auch, stellvertretend für Philippe Queloz, für das
Halbjahres-Programm der „Halles“ in Pruntrut. Seit mehr als 10 Jahren ist die
„Kunsthalle“ Pruntrut die wohl wichtigste Plattform für zeitgenössische Kunst
im Kanton Jura.
Bis 14. März läuft hier bereits die erste von Joye/Kohler
kuratierte Ausstellung. Sie trägt den Titel „L’accumulation primitive“ und
umfasst digitale, plastische, performative sowie akustische Arbeiten, die sich auf das Kompilieren
von Informationen konzentrieren. Technologie und Anhäufung von Inhalten
jeglicher Art bestimme unser Leben massgeblich und finde dementsprechendes Echo
in der Kunst, begründen Joye/Kohler die Thematik. Spiritus rector der
Gruppenausstellung ist dabei der in urbanen respektive architektonischen
Feldern agierende Genfer Künstler/Architekt Michael Hofer, der Bilder
historischer Stätten mit zeitgenössischem Empfinden kombiniert. Hofer ist in
Biel kein Unbekannter, lud ihn doch Hélène Cagnard, damals Assistentin von
Andreas Meier, 2001 zu ihrer ersten im Centre Pasquart in Eigenregie realisierten Ausstellung.
So schliesst sich der Kreis.
In weiteren Ausstellungen in Pruntrut zeigt das Duo raumbezogene Werke des in Bern lebenden Genfers Vincent Chablais (geb. 1962) sowie des Deutschschweizers Robert Estermann (geb. 1970).
Mit besonderer Lust haben Joye/Cagnard den Auftrag der
Bieler „Association Présence“ angenommen, in der „Eglise Pasquart“ eine
Ausstellung zum Themenzyklus „Traversées de déserts“ zu konzipieren. Nicht nur
des vielseitig interpretierbaren Themas wegen, sondern auch weil sich ihnen damit die Gelegenheit bietet, mit
Kunstschaffenden aus dem Seeland zusammenzuarbeiten. Man darf gespannt sein,
wie Jeanne Chevalier, Carla Etter, Christoph Frautschi, Jerry Haenggli, Verena
Lafargue/Sandra D. Sutter, Daniel Zimmermann und andere das zwischen
psychischer Befindlichkeit, Spiritualität und globaler Reisefreudigkeit
oszillierende Thema interpretieren werden (ab 28. Februar).
Wenn auch das Wüsten-Thema vorgegeben war, so stellt sich doch die Frage, ob inhaltsbetonte Ausstellungen quasi das Label des Kuratorinnen-Duos sind, denn auch die neben den Fototagen wichtigste Ausstellung von 2010 im Kunstmuseum Solothurn umkreist unter dem Titel „Distant Memory“ klar ein thematisches Feld. „Wir möchten offen für alle Möglichkeiten sein“, sagen die beiden dazu, geben aber gerne zu, dass ein Thema zu finden, das gleichermassen der Gesellschaft wie auch den im Heute Kunst Schaffenden unter den Nägeln brenne, eine ganz besondere Herausforderung sei. Zu den Fototagen 2010 wollen sich die beiden noch nicht äussern, Möglichkeiten kreisten im Kopf, sagen sie, doch nun müssten sie zuerst ein Gesicht erhalten. Hiezu reisten die beiden just dieser Tage in die Bibliothek der Fotostiftung in Winterthur und arbeiteten sich durch die Dossiers der „ewz.séléction“ in Zürich – der jährlichen Plattform für aktuelle Fotografie.
„Distant Memory“, die Ausstellung, welche Joye/Kohler auf Einladung des Kunstvereins Solothurn erarbeitet, nimmt „Bezug auf die Erinnerung und die Distanz ...zwischen Rohmaterial und fertigem Kunstwerk.“ Dabei geht es nicht nur um Persönliches, sondern sehr stark auch um die Anleihen, welche Kunstschaffende in der Kunstgeschichte, in den „Arts primitifs“, der Volkskunst und den Medien machen, um sie in heutigem Kleid neu in unsere Zeit einzubringen. Ab 5. Juni mit dabei sein werden sowohl Künstler und Künstlerinnen aus dem Kanton Solothurn wie darüber hinaus. Als eine Art „Bieler Brand“ wird sichtbar, wie selbstverständlich es für das (fast) bilingue Kuratorinnen-Duo ist, Kunst aus der Romandie und Projekte aus der Deutschschweiz miteinander zu verbinden. So findet man unter den Eingeladenen ebenso den Walliser Valentin Carron, den Genfer Didier Rittener wie die in Basel lebende Solothurnerin Lex Vögtli, den in Bern lebenden Oltner Omar Alessandro, das Ostschweizer Duo Germann/Lorenzini und andere mehr.
Bildlegende
Catherine Kohler und Hélène Joye-Cagnard: Realisieren nicht mehr nur die Bieler Fototage als Co-Kuratorinnen gemeinsam, sondern zahlreiche weitere Ausstellungen. Aufnahme: BT/Archiv
Catherine Kohler
Geboren 1976, aufgewachsen im Kanton Jura.
Studium der Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin (2000-2001) und der Universität Neuenburg (Lizentiat 2004).
2002-2009 Mitarbeiterin am Centre Pasquart.
Ab 2005 an mehreren Ausstellungsprojekten und -publikationen im Kunsthaus Pasquart beteiligt (u.a. „“Helden heute“ und „Gian Pedretti“).
Seit 2007 Co-Direktorin der Bieler Fototage.
Mutter einer dreijährigen Tochter.
Hélène Joye-Cagnard
Geboren 1967, aufgewachsen im Kanton Wallis.
Studium der Kunstgeschichte in Genf (Lizentiat 1994).
1998-2003 wissenschaftliche Mitarbeiterin respektive Vizedirektorin des Kunsthaus Pasquart.
Ausstellungsprojekte und –publikationen in Eigenregie oder im Team u.a. Genève Aller-Retour (Austausch Biel-Genf, 1997/98), Marie José Burki (Pasquart, 2001), Weibel/ Schropp/ Höppner (Pasquart, 2002) „Hier und Jetzt“ (Klingental Basel, 2005, „Pigeon vole“ (Stiftung Robert, 2006).
Seit 2007 Co-Direktorin der Bieler Fototage
Verheiratet mit dem Historiker Frédéric Joye.
(azw)