Die Stiftung Sammlung Pasquart erbt von Alice Meier (1914-2009) nicht nur den gesamten Nachlass ihres Künstlergatten Bruno Meier (1905-1967), sondern auch einen Geldbetrag in Höhe von 850’00 Franken.
„Wir, die wir ihn kennen, wir sind Verbündete“, sagte „Frau
Bruno Meier“ – wie sich die Witwe des Künstlers nannte – anlässlich der
Ausstellung zum 100sten Geburtstag
von Bruno Meier im Kunsthaus Pasquart, 2005. Mit ihrem Testament macht die sich seit Jahrzehnten für das
künstlerische Vermächtnis ihres Gatten Einsetzende nun klar, dass das Pasquart
die entscheidende Verbündete ist. Das war nicht immer klar, denn für die
Öffentlichkeit wieder entdeckt wurde das Werk des meditativen Spät-Kubisten
1983 von Peter Killer in seiner Ära als Direktor des Kunstmuseums Olten.
Doch
weil Bruno Meier in den 1940er-Jahren in Biel lebte und hier die wichtigsten
künstlerischen Entwicklungsschritte vollzog, gab Alice Meier schliesslich
Andreas Meier, damals Direktor des Kunsthaus Pasquart, den Vorzug. Im Rahmen der zweiten Ausstellung mit
Werken Bruno Meiers im Pasquart kam es 1997 zu einem 230 Zeichnungen und 70 Ölbilder umfassenden
Deponatsvertrag, verbunden mit einer Geldsumme in Höhe von 50 000 Franken für
die Betreuung in den folgenden zehn Jahren.
Nun werden diese Werke sowie zahlreiche weitere, die sich
noch im Besitz von Alice Meier befanden, Eigentum der von Heidi Schwab
präsidierten Stiftung Sammlung Pasquart. Doch damit nicht genug. Die Sammlung
erhält zusätzlich das gesamte Finanzportfeuille der 2009 ohne direkte
Nachkommen verstorbenen Künstlerwitwe in Höhe von rund 850 000 Franken. Alice
Meier wäre nicht eine der
schillernden Künstlerwitwen gewesen – man denke an Annelies Itten, an Charlotte
Kerr (die Witwe Dürrenmatts) an Madeleine Kemeny – wenn sie nicht bis zum
Schluss ein Geheimnisse gehütet hätte, nämlich die an die Erbschaft geknüpften
Bedingungen, insbesondere jene der Geldmittel.
So wurde erst mit dem Testament bekannt, dass die Erbin die 1989/90 gegründete Stiftung Sammlung Pasquart ist und nicht das Kunsthaus. Das mag für Aussenstehende spitzfindig sein, ist aber relevant, denn damit ist klar, dass das Geld nicht für den Ausstellungsbetrieb, sondern zum Beispiel für die dringend notwendige Inventarisierung der Sammlung zur Verfügung steht. Präzise heisst es in den Bestimmungen, dass das als „Fonds Bruno Meier“ bezeichnete Vermögen für Aktivitäten, die in einem weit gefassten Sinn mit dem Werk Bruno Meiers zu tun haben, direkt angetastet werden darf. Für Eigenaktivitäten der Stiftung Sammlung Pasquart – vor allem Ankäufe – steht der Erlös aus allfälligen Verkäufen von Werken Bruno Meiers sowie die Vermögenserträge zur Disposition. Das grosse Kaufen steht also nicht an, aber es öffnen sich der finanziell in einem engen Korsett arbeitenden Stiftung dennoch klar neue Horizonte. Umsomehr als der Testamentsvollstrecker – der in Biel aufgewachsene Zuger Notar Markus Neuenschwander – bereit ist den Spielraum des Testaments grosszügig zu interpretieren.
Der im Dezember mit Werken von Markus Rätz neu eröffnete erste Sammlungsraum im 1. Obergeschoss des Altbaus war bereits ein Zeichen des Aufbruchs. Bis 2011 hofft die Stiftung, zwei weitere Räume eröffnen zu können, um der Sammlung im Pasquart-Betrieb wieder jene Bedeutung zu geben, die sie einst unter Andreas Meier hatte.
Aus aktuellem Anlass ist der Sammlungsraum nun neu dem Werk
Bruno Meiers gewidmet. Gezeigt wird eine kleine Übersicht, die sowohl das
Ehepaar Meier wie auch die Entwicklung des künstlerischen Oeuvres seit den 1940er-Jahren greifbar werden
lässt.
Die kleine Schau stellt – nicht zum ersten Mal – die Frage nach der
Relevanz von Bruno Meiers
Kunstschaffen. Stilistisch ist
Meier mit seinen zwischen 1940 und 1967 in der Nachfolge von Cézanne
erarbeiteten Porträts, Landschaften und Stilleben klar verspätet. Aber gerade aus zeitlicher Distanz ist
dies nicht das einzige Kriterium. Das die spirituellen Werte Cézannes
stärker als die formalen Aspekte
betonende Werk Meiers kann heute durchaus als individuelle Vision interpretiert
werden. Vielleicht sogar als
Utopie der Versöhnung von gegenständlichem Motiv und abstrakter Universalität.
So betrachtet käme es dem Geist der amerikanischen Kunst der 50er- und
60er-Jahre plötzlich nahe.
Es kommt hinzu, dass Bruno Meier für das lokale Biel in den 1940er-Jahren eine besondere Bedeutung hatte, war die „Moderne“ damals doch noch kaum im Seeland angekommen. 1941 fand in der Cécil-Bar die erste Ausstellung statt. Es folgten weitere 1958 (Sélection Biel), 1976 im Kunsthauskeller und 1980 in der Alten Krone. 1984 folgt der ersten Ankauf durch die Stadt Biel, danach erste Schenkungen, 1992 der erste Auftritt im Pasquart. So betrachtet ist es ein Gewinn für Biel, dieses singuläre Werk zu besitzen. Umsomehr als das Abseits des Künstlers zu Lebzeiten dafür gesorgt hat, dass „Nachlass“ in diesem Fall nicht „Rest“ bedeutet, sondern rund die Hälfte des Gesamtschaffens ausmacht.
Bruno Meier
1905 in Zürich geboren. Lehre als Automechaniker.
1930-35 besucht Abendkurse an der Kunstgewerbeschule Zürich
1936/37 Entschluss als freier Maler zu leben. Kurse an der Accademia in Florenz und der „Grande Chaumière“ in Paris.
1941-48 Wohnsitz in Biel. Alice Meier arbeitet als Lehrerin.
1948 Umzug nach Zürich. Übernimmt das Atelier von Heinrich Müller, der Lehrer an der Kunstgewerbeschule Biel wird.
1967 Retrospektive im Helmhaus Zürich
1983 Retrospektive im Kunstmuseum Olten. Erscheinen der bisher einzigen Monographie.
1992/97/2005 Ausstellungen im Kunsthaus Pasquart
1997 Deponatsvertrag
2010 Die Stiftung Sammlung Pasquart erbt den gesamten Nachlass