www.annelisezwez.ch Annelise Zwez in Bieler Tagblatt vom 27. März 2010
Heute Samstag (27. März 2010) wird im Kunsthaus Pasquart die Ausstellung „Timelapse“ eröffnet. Mit Werken zwölf chinesischer und schweizerischer Kunstschaffender. Organisatorin ist die Pro Helvetia.
2008 lancierte die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia ein
mehrjähriges Kulturaustausch-Programm Schweiz-China. „Timelapse“ ist darin die
wichtigste Veranstaltung im Bereich der visuellen Kunst. Toll, dass Biel als
Schweizer Standort ausgewählt wurde. Austausch will Begegnung. Entsprechend lud
Pro Helvetia alle Schweizer Künstler nach China und jetzt alle chinesischen nach Biel
ein.
„Timelapse“ ist indes keine Länderaustausch-Ausstellung der herkömmlichen Art, sondern eine anspruchsvolle, spannende Schau zu einem Thema , das weltweit in Diskussion ist, nämlich der Einfluss der Zeit auf unsere Wahrnehmung der Welt. Fokus ist nicht der Alltag, sondern die Visualisierung von Zeitphänomenen.
„Timelapse“ heisst zu deutsch „Zeitraffer“ und benennt eine Filmtechnik, die Zeitdauer nicht linear zeigt, sondern durch Zwischenräume verkürzt. Die Ausstellung ist freilich breiter gefasst und geht durchaus von „Timelapse“ zu „Timecollapse“.
Kurator der Schau ist der chinesische Kulturtheoretiker Zhang Ga. Er bezieht sich in seinem Konzept auf den französischen Philosophen Gilles Deuleuze (1925-1995), dessen Abhandlungen vom narrativen „Bewegungsbild“ zum reinen „Zeitbild“ bis heute Universitäts-Pflichtstoff sind. Hatte Deuleuze dabei das Kino im Visier, untersucht Zhang Ga die Zeit als Motiv seiner selbst im Bereich der elektronischen Kunst.
Man mag sich zunächst wundern, dass es in China eine
Kunstszene gibt, die sich auf derart intellektuellem Niveau mit westlichen
Kulturtheorien auseinandersetzt. Mahjong, die grosse China-Ausstellung im
Kunstmuseum Bern, vermittelte 2005 ein anderes Bild. Der im Begleitkatalog
leider nicht erwähnte Hintergrund
ist, dass Zhang Ga seit über 20 Jahren in New York lebt und dort als Dozent an
einer Kunsthochschule tätig ist. Deuleuze sei in China kaum bekannt, sagt er
denn auch. Aber nichtsdestotrotz fand er sowohl in seinem Heimatland wie in der
Schweiz Kunstschaffende, die in ihren Werken die Theorien von Deuleuze
repräsentieren, meist ohne es explizit zu wissen. Das heisst Künstler und – seltener – Künstlerinnen,
die in ihren Arbeiten eine Realität schaffen, welche die erzählerische
Linearität der Zeit aufheben und auf einer virtuellen Ebene neu konstituieren.
Das Ausserordentliche der Ausstellung ist, dass man ohne Blick auf die Namensschilder kaum herausfindet, wer aus China stammt und wer aus der Schweiz, zu global ist das Thema, zu global der Umgang mit dem bewegten Bild, mit Video, Film, Internet in unterschiedlichsten digitalen Umsetzungen.
Von den Kunstschaffenden aus der Schweiz sind einige in der
Region wohl bekannt, genannt seien Peter Aerschmann, Alexander Hahn und Hervé
Graumann. Möglicherweise eine erstmalige Begegnung bieten der in Basel lebende
Amerikaner Arthur Clay, die in Zürich wirkende Deutsche Valentina Vuksic sowie
die beiden jungen Berner Timo Loosli und Daniel Werder (geb. 1985/81), die alle
audiovisuell arbeiten. Köstlich ist, dass auch eine der chinesischen Positionen
in Biel ein Begriff ist: Cao Fei und ihre in „Second life“ im Aufbau
befindliche digitale RMB City waren ein wichtiger Beitrag zu „Utopics“ im
Herbst 2009.
Eine der eingängigsten, weil den Faktor Zeit in einfacher
Form vermittelnden Arbeiten stammt vom 1962 geborenen Chen Shaoxiong. Er lässt auf einer einem Highway gleich
auf Stelzen gebauten Bahnlinie einen kleinen Zug fahren. Die eingebaute Kamera
nimmt die entlang der Bahn
aufhängten tagebuchartigen Tusch-Malereien von Alltagsgegenständen und –szenen
auf und gibt sie auf drei Monitoren als Film wieder.
Scheinbar ebenso einfach, aber auf der Zeitebene wesentlich komplexer ist die „Republic of International Airport“ von Qiu Zhijie (geb. 1969). Die interaktive Arbeit zeigt einen Globus und drei Flachbildschirme. Aktiviert man den Globus an der richtigen Stelle, besucht man den dortigen Flughafen (Frankfurt zum Beispiel), während man sich gleichzeitig auf den anderen Monitoren in Peking oder New York befindet. Raum und Zeit fallen in sich zusammen.
Interessant ist die Kritik an der auch bei Deuleuze
thematisierten Vorherrschaft des visuellen Raum-Zeit-Kontinuums gegenüber dem
akustischen.
Entsprechend wichtig war Zhang Ga die Integration von„opto-akustischen“ Arbeiten, welche Klang, Raum und Zeit erfahrbar machen. Arthur Clays kleine, elektronischen „Sound-Maschinen“ vermischen Töne und Distanzen in zeitlicher Wechselwirkung mit der Anzahl Menschen, welche sie aktivieren; ein eindrückliches Erlebnis. In dieselbe Kategorie fällt „The Loop“ von Werder/Loosli, in welchem ein Magnetband unzählige alte Rekorder durchfährt und dabei Geräusche aufnimmt respektive wiedergibt.
Geradezu poetisch ist die „Harddisco“ von Valentina Vuksic. Sie sammelte ausgediente Festplatten und kombinierte sie zu einer Sound-Collage entlang den immanenten Funktions- Parameter der jeweiligen Harddisks. Arbeiten von Peter Aerschmann, Alexander Hahn, Hervé Graumann, Hu Jieming und Zhang Peili ergänzen mit ihren Arbeiten die Vielfalt; glücklicherweise nicht bis zur Situation der Wachsfigur von Jing Jiangbo, die von weltweitem „chatten“ überwältigt tief und fest schläft.
Bis 30. Mai. Mit Katalog
(engl./chinesisch). Führungen: So 25.4. (fr) /9.5. (dt) je 14 h. Angebote in
Kunstvermittlung.
Bildlegenden:
"Harddisco" von Valentina Vuksic (oben)
"Republic of International Airport" von Qiu Zhijie (unten)
Bilder: azw