www.annelisezwez.ch Annelise Zwez in Mittellandzeitung vom 3. April 2010
Eine Ausstellung mit „Identität: Schweiz“ zu überschreiben,
ist brisant. Wie stellen sich junge Kunstschaffende heute zum Land, in dem sie
leben und arbeiten? Kritisch, provokativ, subversiv würde man meinen. Doch die
Schau mit 26 jungen
Kunstschaffenden im Kunsthaus Pasquart in Biel gibt ein anderes Bild.
Die Künstlerinnen und Künstler stellen vielfach ihre eigene
kleine „Heimat“ ins Blickfeld. Den ruhigen „Sonntagnachmittag“ zum Beispiel,
oder ihren Freundeskreis mit „Nicole, Silvan, Wacyl...“ oder sie zeigen die Schweiz als
„Greenhouse“, als Biotop.
Schon seit langem wirft man der Kunst in der Schweiz vor, sie sei zu wenig politisch; „Identität: Schweiz“ unterstützt diese These. Angesichts von Foto-Essays zu Schützen-häusern, Schrebergärtchen und einem stillegelegten Bunker ist man sogar geneigt von Langeweile zu sprechen, zu oft wurden diese Themen schon aufgegriffen.
Doch es gibt auch Spannenderes: Zum Beispiel die Trilogie „Neutralisationen“ von Jacqueline Aeberli. In drei Symbolbildern mit eingeschlossenen Luftballons, einem verbarrikadierten Zugang und einem Männerporträt mit einem kreuzförmig verpflasterten Auge fängt sie eine Schweiz, die auf einem Auge blind ist, pointiert ein. Auf stille Poesie setzt hingegen Gabriela Paiano in „Nimmerland“, das unscheinbare Ecken im Emmental respektive in Süditalien kombiniert und so eine typische Secondo-Schweiz umschreibt.
Es fällt auf, die Fotografie ist als Medium dominant. Zu sehr. Da ist man auf dem Rundgang froh um „Hodlers Delight“ von Wilhelm Schlatter, der aufgrund von Skizzen zu Hodlers unvollendeter „Floraison“ Kleider und Bühnenbild bereit stellt, um das Bild als „Tableau vivant“ zu inszenieren. Ein Schmunzeln entlockt einem auch der durchaus hintergründig gemeinte Schokolade-Stacheldraht, der das Geviert „Schweiz“ umschliesst (Künstlergruppe Könz/Weidmann/Good/His/Käser).
Die Ausstellung resultiert aus einer Zusammenarbeit des Centre Pasquart mit der F+F Schule für Kunst und Mediendesign in Zürich. Sie ist die modifizierte und ergänzte Zweitauflage eines Projektes des deutschen Kurators Stefan-Maria Mittendorf, der sie im Fussball-EM-Jahr 2008 unter dem Titel „Schweiz für alle“ für München konzipierte. Das ist denn auch ihr Problem. Sie zeigt eine Aussensicht, welche die Schweiz „differenzierter als ihre Klischees“ präsentieren will. Das gelingt ihr streckenweise, aber als Innensicht in einer Zeit, in der die Schweiz politisch in Bedrängnis ist und die Frage nach der Identität unter den Nägeln brennt, taugt sie nicht.
Hiefür ist auch das Reservoir an Kunstschaffenden – alle
sind Studierende an der Zürcher
F+F oder haben daselbst kürzlich abgeschlossen – zu klein. Es ist kaum ein
Künstler oder eine Künstlerin mit dabei, der oder die bereits überregional
bekannt wäre. Interessant ist jedoch, dass eine der besten Arbeiten von der
vergleichsweise bekanntesten Künstlerin stammt, von Chantal Romani. Sie zeigt,
in eine Stellwand eingebaut, sechs Schweizer Video-Postkarten, in denen
Menschen in ganz kurzen Loops die Strasse oder den Hausvorplatz wischen während
Andere ohne Unterlass die Berge hinauf rennen. Da sind zwei Schweizer Klischees
– die saubere Schweiz, das Urlaubsland Schweiz – so raffiniert übersteigert,
dass sie sich selbst karikieren.
Ein gutes Bild des kontrollierenden Transit- und touristischen Ferienlandes Schweiz zeichnet auch die Zwei-Kanal-Projektion „Scales“ von Heidy Baggenstos und Andreas Rudolf, die touristische und Verkehr überwachende Webcams teils live, teils in geraffter Form, zusammenführt.
Bis 16. Mai 2010. Offen: Mi-Fr 14-18, Sa/So 11 – 18 Uhr. Begleitkatalog.
Bilder azw:
Auf einem Auge blind: Aus der Foto-Trilogie „Neutralisationen“ von Jacqueline Aeberli .
Identität: Schweiz - die Webcams von Baggenstos/Rudolf verweisen auf
das Tourismus- und Verkehrsland.