Die bildende Kunst drängt ans Licht. In der Art-Etage zeigt Percy Slanec feine Rhythmen. In der Kultur.Mühle.Lyss erzählen Aurélie Jossen und Le kou Meyr von Dingen, die vielleicht nur zu sein scheinen.
Percy Slanec in der Art-Etage, Jossen/Le kou Meyr in der
Kultur.Mühle, Niederberger bei Steiner, Kunz im Art Corner, Lambert im
Gewölbekeller und ab Mittwoch Jolimai in der Alten Krone: Die Kunst stellt sich
ins Licht in der Region, abstrakt da, erzählerisch dort.
Von feiner Poesie
geprägt sind die Skulpturen, Objekte und Videos von Aurélie Jossen (geb. 1983).
Sie ist zusammen mit Lorenzo le kou Meyr Gast in der charmant
renovationsbedürftigen, verwinkelten und mehrgeschossigen Kultur.Mühle.Lyss.
Obwohl sie 30 Werke zeigt, kommt keine Sekunde Langeweile auf. Immer wieder neu
interpretiert sie ihr Thema: Gefühle des Seins; erzählt in papierenen
Schnitten, geschnitztem Holz, filmischer Bewegung, keramischer Form und
textilen Netzen. Die Arme, die Hände, die Füsse, die Köpfe sind sichtbar,
erkennbar und gehorchen doch nicht den Gesetzen des Realen. Frei setzt Jossen
Befindlichkeit in Form um; Märchen, Traum und surrealistische Kunsttradition
verwebend.
Es ist faszinierend zu sehen wie wenig sie zuweilen dazu braucht, um Fülle zu
erzeugen: Etwa ein kleines Notizheft mit dem Papierschnitt einer Mädchengestalt
darin, deren überlange Beine im Büchlein nicht Platz haben oder gerade
herauszurutschen scheinen. An anderer Stelle mit versilbertem Kupferdraht
geschriebene Worte: das „ce que je te dis“ ist dabei so oft überlagert bis es
zum melancholische Ausdruck der Unmöglichkeit etwas mitzuteilen wird.
Eine ähnliche Thematik verfolgt auch das Video der Vernissage-Performance; „Sur la pointe des mots“ zeigt die Künstlerin, die ein semitransparentes Körperkleid aufknüpft und dabei in subtilen Worten ihre Schwester anruft, sie aber nicht hört obwohl sie neben ihr steht.
Le kou Meyrs
Transparentfolien-Objekte, Himmel-, Licht- und Nebelbilder auf Leinwand waren
in letzter Zeit mancherorts zu sehen, so bieten sie weniger Überraschungen als
das Ensemble von Jossen. Worin sich die beiden begegnen, ist einerseits in der
Lust an der Fiktion, basierend auf Gegenständlichkeit, andererseits in einem im
positiven Sinn spielerisch-kindlichen Moment, das Freiheiten gewährt, welche
sich die Erwachsenen nicht mehr erlauben (das wusste schon Paul Klee!). Sehr
schön zeigt sich die Charakteristik im Entrée, wo der „Hasenplanet“ Meyrs einem
von einem Holzpfeil durchbohrten Stein („légende“) von Jossen begegnet.

An der Türe zur Art-Etage im Pasquart-Anbau sollte ein
Schild hangen. Mit den Worten: „Die Hektik des Alltags bitte draussen lassen“.
Denn um die Zeichnungen von Percy Slanec (geb. 1953) wirklich wahrzunehmen,
bedarf es der Ruhe. Nur wer in
einem Zustand der Leere und Konzentration schaut, kann die Vibrationen der
rhythmisch gesetzten graphitenen Grau-Flächen und -Bänder spüren.
Distanzen, Proportionen,
Farbnuancen bestimmen die Verläufe. Materialien wie Papier, Glas, Folie,
neuerdings auch Holz und Gips definieren die Orte. Es sind Aspekte von
Architektur, die in Slanecs Arbeiten Ausdruck finden, quasi bevor sie
funktionellen Parametern Genüge leisten müssen.
So zurückhaltend die einzelnen Zeichnungen, so still das Gesamtwerk des seit den 1970er-Jahren tätigen Solothurner Künstlers. Veränderung interessierte ihn nie grundlegend, wohl aber Variation als Akt der Bereicherung. Ähnliches gilt für die graphit-dunklen Architektur-Körper-Zeichnungen von Robert Schüll, den Präsidenten der Visarte Biel, den er als Gast einlud, in Erinnerung daran, dass er schon 1977 gemeinsam mit ihm in Bern ausstellte.
Info: Percy Slanec, Art-Etage, Seevorstadt 71, Biel, bis 22. Mai 2010. Mi-Fr 14-18, Sa 11–18 Uhr. Aurélie Jossen/Lorenzo le kou Meyr, Kultur.Mühle.Lyss, Mühleplatz 8, bis 16. Mai. Fr 18-20, Sa/So 15-18 Uhr.
Bildlegenden:
Aurélie Jossen: „repliée“ (Gefaltete), Gewebe und Textilbänder, 2010; Wandobjekt und Performance-Requisit.
Aurélie Jossen/Lorenzo le kou Meyr: Blick in die Ausstellung
Percy Slanec: Grafitzeichnung.