„Kunst ist Spekulation“, sagt Marcel Henry. Seit kurzem ist
sein Kuratorium Amici die Borgo in Biel zuhause. Morgen steigt die erste
Vernissage. Rund ums Lokal.int.
„Wenn die Nebel steigen... steht der November vor der Tür“,
schrieb einst Hermann Hesse. „Reine Spekulation“, würde der 33-jährige
Kunstwissenschafter Marcel Henry (Biel/Rom) dazu sagen und auf den kleinen Wald
hinter dem Lokal.int verweisen. Passanten und Bus-Fahrende geben ihm recht: Da
steigt im Wonnemonat Mai Nebel auf. Ein Sprecher der Bus-Linie Nr. 4 weist bei
jeder Fahrt darauf hin.
Es handelt sich um eine künstlerische Intervention der in Berlin
lebenden, bekannten Berner Künstlerin Simone Zaugg (geb. 1968). Zu deren
Realisierung eingeladen hat sie das junge Kuratorium Amici di Borgo, das sich
auf Kunst im öffentlichen (nicht musealen) Raum konzentriert. Der Kopf des im
Umfeld des Istituto Svizzero in Rom gegründeten und seit kurzem in Biel
beheimateten Netzwerkes ist der Berner Kunsthistoriker, Kunstkritiker und
Kurator Marcel Henry.
Generationsspezifisch beschreibt er sich und seine wechselnde Crew auf der Homepage von ADB als Kinder der Plug&Play-, Erasmus-, und Net Generation. Das heisst, die englischbetonte Kommunikation läuft über Websites, Facebook, Twitter, Youtube, Wuala usw. Nichtsdestotrotz sind die „Interventionen“ aber durch und durch lokal, auch wenn das nur die Bieler und Bielerinnen wirklich bestätigen können. Für die Net-Surfer bleibt ein Mass an Spekulation, was Henry und Co-Kuratorin Sonja Gasser in der Bieler Intervention #004 gleich zum Thema machen.
Die zweite Arbeit des mit den Strukturen des Lokal.int
verknüpften Projektes stammt von der schon verschiedentlich aufgefallenen
jungen Zürcher Künstlerin Muriel Baumgartner. Sie bespielt die „Dépendance“ des
Lokal.int auf Perron 2/3 des Bieler Bahnhofs. Sie entdeckte im Personalhäuschen
daselbst allerlei „Telefon“-Zeichnungen von SBB-Angestellten; diese
rekonstruierte sie nun als Reliefs und stellt sie in der alten Telefonzelle nebenan als „spekulative“
Formen zur Diskussion. Obwohl als Arbeit gänzlich verschieden von Zauggs Nebelschwaden,
ist auch hier die Unsicherheit bezüglich Herkunft, Echtheit und Fiktion
respektive die Aufforderung darüber zu „spekulieren“ zentrales Thema.
Marcel Henry & Co. haben schon mehrere Interventionen
initiiert. Die erste war 2009 anlässlich der „art Basel“ die Verwandlung eines privaten Gartens
in eine öffentlich bewohnbare Installation durch den Thuner Künstler Heinrich
Gartentor. Die zweite hiess „Annunciazione“ und fand im August 2009 in
Muralto-Locarno statt. Das Vorgehen ist dabei stets dasselbe: Amici di Borgo
haben eine Idee und suchen daraufhin Kunstschaffende, die dieses Thema in ihrer
Kunst bearbeiten. Das kann fruchtbar sein. Zugleich illustriert der Modus den
modischen Begriff der „Kuratorenkunst“ in treffender Form und zeigt auf, wie
sich in der Kunstwelt neben den Institutionen eine weitere Kraft etabliert.
Dies nicht zuletzt als Folge der grossen Zahl von Kunstwissenschaftern ohne
feste Anstellung. Marcel Henry gibt denn auch unumwunden zu, dass ADB für ihn
eine Investition in seine eigene Zukunft ist, denn nur wer sich durch realisierte
Projekte einen Namen zu schaffen vermag, hat Chancen auf einen bezahlten Job im
Kunstbetrieb.
Der Begriff „Kuratorenkunst“ ist umstritten. Wenn man genau hinschaut, ermöglichen Engagierte wie Henry aber Kunst, die sonst nie zustande käme. Denn gerade Kunst im öffentlichen Raum, Kunst welche die offene Struktur des Internet auch auf der sozialen Ebene der Bevölkerung umsetzen will, muss sehr viel Basis-Arbeit leisten. „Ich bin die Infrastruktur der Künstler“, sagt Henry mit Blick auf die Verhandlungen mit der SBB, der Gewerbepolizei, den Verkehrsbetrieben. Dass das Projekt gelang, ist somit erfreulicherweise einmal mehr Zeugnis für Biels kulturfreundliche Haltung. Zu dieser gehört auch die Firma Gassmann AG, welche die zur Finissage vom 27. Juni erscheinende Zeitung zum Projekt druckt.
Info: Bis 27. Juni
Simone Zaugg
Geboren 1968 in Bern. Lebt in Berlin und Bern.
Ausbildung: Hochschule der Künste Bern, Gesamthochschule
Kassel (1987-1992)
Performative Foto- und Videoarbeiten, raumbezogene
Installationen.
Einzel- und Gruppenausstellungen, Performances etc. in der
Schweiz und in Deutschland, zuletzt Kunstverein Schwerin (2010). 2003:
Einzelausstellung im Centre Pasquart in Biel.
Mehrere Kuratorenprojekte, u.a. 2003 „street level simplon“
(mit Pfelder).
Monographie: Simone Zaugg – 100 und eine Arbeit. Verlag für
Moderne Kunst Nürnberg (2008).
Link: www. simonezaugg.ch
Muriel Baumgartner
Geboren 1976 in Winterthur
Studium an der Hochschule der Kunst in Zürich (2006-2009)
Orts- und
raumbezogene Installationen.
Beteiligt an Gruppenausstellungen wie „plattform 10“ im ewz
Zürich (2010), „yesterday will be better“, Aargauer Kunsthaus, Aarau (2010),
Regionale 9 im Kunsthaus
Langenthal (2009), „Kunstpreis der Nationale Suisse“, Kunsthaus Baselland
(2009).
Link: www.murielbaumgartner.ch