www.annelisezwez.ch Annelise Zwez in Bieler Tagblatt vom 13. Juli 2010
Die Sommerausstellung im Kunstmuseum Moutier heisst „Drôles de lieux“. Neun Kunstschaffende haben seltsame Raum-Installationen geschaffen. Eine Art Erlebnis-Parcours.
Keine Chance! Man muss hindurch – ob es pickst oder nicht. Fränzi Neuhaus bespielt den Eingang zum Neubau des Kunstmuseums Moutier mit einem Un-Tier. „Tekto Top“ heisst es. Es ist der erste begehbare „Saiten-Körper“ der Solothurner Künstlerin mit Bieler Bürgerrecht. Das raumgreifende, vielarmige Wesen ist aus zweierlei gelben Kunststoffkabel und den entsprechenden Kabel-Bindern geknüpft. Tentakeln gleich tasten diese die Eindringlinge auf dem Weg in den Saal ab und signalisieren ihnen, dass sie sich an einem sensiblen Ort – dem Ort der Kunst – befinden.
Die Kinder und Erwachsene gleichermassen herausfordernde Skulptur ist Teil der Ausstellung „Drôles de lieux“. Eröffnet wurde die thematische Schau Ende Juni im Rahmen des gleichnamigen Theater-, Musik- und Kunst-Festivals für junges Publikum. Doch wer meint Kuratorin Valentine Raymond begnüge sich deswegen mit Eintagesfliegen, kennt die Direktorin des „Musée jurassien des arts“ nicht. Ihr Konzept kombiniert das Köstliche, Überraschende, Kauzige mit künstlerischer Vieldeutigkeit, die von Autobahn-Portalen über poetische Unzulänglichkeiten bis zur Welt auf dem Kopf und dem Berg im Tal reicht. Und sie hat die Eingeladenen damit verführt: Fast alle haben eigens für Moutier neue, raumgreifende Installationen geschaffen, seien es Pascale Wiedemann/Daniel Mettler, Theo&dora, Jérémie Gindre oder die Frères Chapuisat. Entsprechend ist die Ausstellung so etwas wie ein Geheimtipp für den Sommer in der Region; für Eltern ebenso wie für Kinder (und Grosskinder).
Gemeint ist damit zum Beispiel die „Endstation Sehnsucht“
von Wiedemann/Mettler, die – wie schon in „Genipulation“ im Pasquart 2009 – mit
Kinderwelten arbeiten und diese so weit vorantreiben bis sie, dem Märchen
gleich, kippen und Fragen stellen. Ihre „Endstation Sehnsucht“ ist ein kleiner,
mit Chromstahlgittern eingezäunter Garten Eden mit einem Baum mit Wollpompons als
roten Äpfeln und einer (fast versteckten) Schlange im Geäst. Der grösste
„Apfel“ ist hinuntergefallen. Der schwarzen Katze ist das nicht geheuer, sie
faucht. Ob wir den „Drôle de lieu“ als Gefängnis wahrnehmen oder die 2m2 Paradies als den
Spatz in der Hand betrachten, bleibt uns frei gestellt.
Unübersehbar ist der einem geographischen Orientierungspunkt
in den Bergen ähnelnde Turm aus Tannenholz im Museums-Aussenraum. Die Gebrüder
Chapuisat aus Genf haben ihn vor Ort gebaut. Begehbar ist er nicht, aber er
markiert das Museum auf der Landkarte der Kunst. Noch näher bei der Architektur
ist der Beitrag von Renato Salvi (Delsberg), der u.a. für die „futuristischen“
Autobahn-Portale der Transjurane zeichnet. Er zeigt die Modelle dazu nun als
„eigenartige Räume“; Erich von Däniken würde sicherlich mit Vergnügen eine
Geschichte dazu erfinden. Auf Wunsch der Kuratorin zeigt Salvi auch Modelle von
Häusern, die er baute, denn „jeder Raum habe schon durch seine Beschaffenheit
eine eigene Geschichte“.
Die Beispiele zeigen, dass es Valentine Raymond um möglichst
verschiedenartige „Drôles de lieux“ geht. Das Spektrum peilt auch subtile
Bereiche an – etwa in den zwei Räumen mit Werken der schon fast zum Shooting
Star avancierten jungen Walliserin Martina Gmür, der es in ihrer Malerei in
faszinierender Weise gelingt, Menschen, Tiere, Dinge gleichsam von aussen und
innen gleichzeitig zu zeigen.
In eine ähnliche Richtung gehen auch die als „Familie“ angelegten künstlichen Dekorations-Steine von Jérémie Gindre (Genf), welche die liebevolle Hingebung ans Do-it-yourself materieller oder optischer Perfektion überordnen; ein Zitat von John Fante gibt das entsprechende Stimmungsbild. Arbeiten von Karin Schuh (Zürich) und Theo&dora (Theodora Quirinconi, Séprais/Genf) ergänzen die Ausstellung.
Info: Musée jurassien des Arts, 4 rue Centrale, 2740 Moutier. Bis 29. August 2010. Mittwoch 16 – 20 Uhr, Donnerstag bis Sonntag 14 – 18 Uhr. Link: www.musee-moutier.ch
Bildlegende:
„Drôle de lieux“ von Pascale
Wiedemann und Daniel Mettler. Im Hintergrund: „Saiten-Körper“ von
Fränzi Neuhaus.
"Regenbogen" von Martina Gmür, Gouache auf Pavatex, 2010, 115 x 135 cm.
Bilder: azw