Die Abbatiale de Bellelay wird heuer von Catherine Gfeller bespielt. Mit Audio-, Foto- und Videoarbeiten sowie einer Installation verbindet sie weltliche und religiöse Prozessionen.
Es ist nicht die beste künstlerische Inszenierung der
grossräumigen „Kathedrale“ von Bellelay, aber als erste wagt die in Frankreich
lebende Neuenburger Künstlerin Catherine Gfeller den direkten Dialog zwischen
der religiösen und der weltlichen Dimension der barocken Abteikirche. Oft wurde
in den letzten Jahren die Architektur der Kirche in der Kunst gespiegelt, der
in der ländlichen Umgebung so fremd wirkende „heilige Ort“ in eine abstrakte
Mystik übersetzt.
Ganz anders die in Frankreich lebende Neuenburgerin
Catherine Gfeller (geb. 1966). Sie befasst sich in ihren Foto- und
Videoarbeiten oft mit dem Thema der Menschenmenge. „Mon thème est la foule“,
sagt sie; vielfach in den Strassen der Städte der Welt aufgenommen. Das zeigt
sie auch in Bellelay; hier aber eingebunden in einen räumlichen, bildlichen und
metaphorischen Dialog mit den Heerscharen, die in der Karwoche den „heiligen Jungfrauen“ bei ihren
„Ausflügen“ in die Strassen von Sevilla folgen. Folgerichtig nennt sie ihre
Ausstellung „Processions croisées“. Weil das Weltliche und das Religiöse auch die Geschichte der Kirche von
einstiger Grösse hinunter zum
Kornmagazin und wieder hinauf zum Architektur-, Kunst- und Musikort spiegelt, macht dieses Konzept Sinn.
Charakteristisch ist, dass Catherine Gfeller ihre Aufnahmen vor Ort als Ausgangsmaterial betrachtet; ebenso wichtig für ihre sequenziellen Foto- und Videoarbeiten ist die Bearbeitung am PC. Hier wird, dem Collageprinzip entsprechend, geschnitten, überlagert, kombiniert, um jenen atmosphärischen Eindruck zu erreichen, welcher der Künstlerin vorschwebt. Eine Flamencotänzerin in rot zum Beispiel, die inmitten bewegter Szenen in die Verdoppelung einer Figur in blau übergeht. Auffallend sind auch Wechsel von nah und fern, Schärfe und Unschärfe, direkter und gespiegelter Bilder.
Die Inszenierung in der Abbatiale folgt einem Parcours. Die
seitlichen Nischen rechts sind den Menschen unterwegs gewidmet. Es beginnt mit
einer Audio-Arbeit, die Sätze wie „sie ist sich selbst immer einen Schritt
voraus“ oder „sie möchte, dass die Stadt in ihr selbst vorbeizieht“ enthält und
die auf die folgende, eigene Prozession einstimmt. Darauf folgt eine
Videoarbeit, welche Gfellers Virtuosität im Umgang mit Bildmaterial aufzeigt.
In fotografischen Sequenzen mit filmisch wirkenden Hoch- und Querformaten führt
die „Promenade“ dann zum
Kernstück: Der theatralischen Inszenierung des Chores mit Heiligenfiguren zum
einen, deutlich zeitgenössischen, teils nackten, teils bekleideten
Schaufensterpuppen zum andern. Leider ist die Installation nicht der Höhepunkt
der Ausstellung. Es ist das erste Mal, dass Catherine Gfeller nicht nur
performative Situationen für Fotografien und Videoaufnahmen inszeniert, sondern
im eigentlichen Sinn installativ arbeitet; das ist spürbar. Die Madonnenfiguren
bleiben ihrem Puppenstatus verhaftet, die Begegnung der Figuren aus zwei Welten
löst zu wenig Emotionen aus. Der Eindruck einer vierten Dimension stellt sich
nur im Gesamtbild ein, das heisst in der Verbindung der Heiligefiguren mit den
Seitenaltäre und dem barocken Chor-Gitter.
Anders, sobald Gfeller wieder in ihren angestammten Medien arbeitet. Die Nischen auf der linken Seite sind bestimmt durch die Marien-Prozessionen, festgehalten in dicht bearbeiteten Foto-Sequenzen. Wiederum sind es primär Gesichter, die Gfeller in intime Beziehungen setzt und damit – im Medium der Fotografie – gleichsam zu Leben erweckt. Am Eindrücklichsten ist jedoch ist erneut die Videoarbeit, welche die von unsichtbaren Trägern durch die Strassen getragenen Madonnas als überirdische und lebendige Wesen zugleich erscheinen lässt.
So sehr die Videos und Fotoarbeiten in sich überzeugen und
die narrative Idee dem Ort entspricht, das Gefühl, die Künstlerin habe die
immense Grösse der Kirche unterschätzt, bleibt trotz allem. Die erhofften
Spannungsbögen zwischen den Arbeiten auf der linken und der rechten Seite
erweisen sich nicht als packend
genug. Die Vision, dass die Besuchenden gleichsam zu Prozessions-Teilnehmenden
werden, stellt sich nur auf der Ebene der Vorstellung ein. Klar, dass das auch
eine Frage der (finanziellen) Möglichkeiten ist. Obwohl die vom Bieler
Architekten Henri Mollet präsidierte Stiftung auf Subventionen der
Öffentlichkeit – heuer erstmals auch der Pro Helvetia – zählen darf, sind die
Mittel beschränkt. Insofern hat Catherine Gfeller das Mögliche erreicht, auf
das Unmögliche musste sie verzichten.
Info: Die von der stellvertretenden Pasquart-Direktorin Caroline Nicod kuratierte Ausstellung dauert bis zum 18. September. Mo – Fr 10 – 12 und 14 – 18 Uhr, Sa/So 10 – 17 Uhr.
Geboren 1966 in Neuenburg. 1985-1991 Studium der Kunstgeschichte und der französischen Literatur in Neuenburg.
1995-1997 Master of Fine Arts, School of Visual Arts, New York
Seit 1999 in Paris, seit 2010 auch in Montpellier.
Reiche Ausstellungstätigkeit. Galerievertretung: Carzaniga, Basel. 2008 Teilnahme an den Bieler Fototagen.
2010/2011 Einzelausstellungen in den Kunstmuseen von La Chaux-de-Fonds und Luzern.
Bildlegenden:
Der Chor der Abbatiale de Bellelay als Stelldichein von Heiligenfiguren
Eindruck von Bewegung: Die Fotografien.
Bilder: azw