www.annelisezwez.ch Annelise Zwez in Bieler Tagblatt vom 19. August 2010
In drei Wochen werden die Bieler Fototage 2010 eröffnet. Das Thema heisst „kollateral“. 21 Fotoschaffende werden Essays wider die Stereotypien der Bilderflut zeigen.
„kollateral“ lautet der Titel der vierten Bieler Fototage
unter der Direktion von Hélène Joye-Cagnard und Catherine Kohler. Vor 25 Jahren
war „kollateral“ für kaum jemanden ein gängiger Begriff, doch dann kam der
erste Irak-Krieg und die „Kollateralschäden“ wurden zum geflügelten Wort.
Gemeint waren die den Krieg „begleitenden“ Schäden: Zivilopfer, zerstörte
Häuser, verbrannte Landstriche. Die 21 nach Biel eingeladenen Fotoschaffenden illustrieren keine
„Kollateralschäden“. Die Kuratorinnen verstehen „kollateral“ im ursprünglichen
Sinn des Wortes, das heisst „begleitend“, „nebenbei“, „anders betrachtet“. Sie
wissen aber natürlich um die Brisanz des Begriffs und „spielen“ damit.
Das heisst: Die Haupt-Themen der Essays sind so sehr in unser mediales Bild-Gedächtnis eingebrannt, dass es ihrer nicht mehr bedarf, um sie zu zeigen. Das klassischste aller Beispiele: Die brennenden Twin-Towers in New York. Der 11. September darf denn auch in Biel nicht fehlen: Der Franzose Olivier Culman (geb. 1970) zeigt unter dem Stichwort „Autour“ Gruppen von Augenzeugen in den Strassen von NY, die fassungslos auf etwas starren, was nicht zu sehen ist, in unseren Köpfen aber sehr wohl gespeichert ist.
Das Thema sei nicht konzeptuell gewählt worden, sagen Joye-Cagnard/Kohler, es habe sich vielmehr angehäuft. Das heisst immer wieder sei ihnen bei Besuchen an Foto-Festivals aber auch bei ihren Internet-Recherchen aufgefallen, dass sich insbesondere jüngere Fotoschaffende vom medialen Mainstream abzusetzen versuchen, indem sie kollektiv bekannte Themen indirekt, unerwartet, quasi aus dem Hinterzimmer angehen. Daraus sei der Blickwinkel für die 14ten Bieler Fototage entstanden.
Das kann sich im erwarteten Rahmen abspielen, zum
Beispiel in Matthias Willis
Rockstars hinter der Bühne, aber auch in überraschender Form, etwa in den aus
Bambuspapier geformten Torten, Autos, Villas, TV-Geräte, welche in China bei
Begräbnissen heimlich für die Toten verbrannt werden („In Case it rains in
Heaven“ von Kurt Tong, geb. 1977 in Hongkong).
Die 21 Fotoschaffenden stammen primär aus der Romandie, wo es – insbesondere im Raum Lausanne, Vevey, Genf - eine ausgesprochen lebendige, junge Fotoszene gibt. Rund 1/3 der Eingeladenen stammt aus dem internationalen Raum, wobei die Reportagen, dem Medium Fotografie schon immer entsprechend, aus aller Welt stammen. Als Beispiel: Der Pole Pawel Jaszczuk, der in Tokyo lebt; er zeigt unter dem Titel „Salarymen“ Geschäftsleute mit weissen Hemden und Kravatten, welche des nachts in den Strassen Tokyos ihren Rausch ausschlafen. Oder: Der Genfer Alban Kakulya (geb. 1971 in Lausanne), der die Rückverwandlung Grönlands in Grünland als Folge der Klimaveränderung fotografisch begleitet.
Daneben wird es aber auch Naheliegendes zu sehen geben: Der Erlacher Alexandre Jacquemet (geb. 1978) hat ein Modellflugzeug mit einer Videokamera bestückt und zeigt uns deren Sicht auf das Seeland; sowohl in Fotos vereinzelt wie als Film.
Die drei Beispiele zeigen zum einen, dass es den Kuratorinnen ein Anliegen ist, eine festivalbetonte, möglichst breite Auswahl an Blickwinkel und Themen einzubringen, zum andern aber auch, dass die Fototage ihre Tradition als Reportage-Festival beibehalten wollen. Zwar wird das Internet als Bildquelle integriert – etwa bei Judith Stadlers von privat zum Verkauf ausgeschriebenen Hochzeitskleidern („Fast neu – nur einmal getragen“) – aber um eine experimentelle Ausweitung der Möglichkeiten der Fotografie oder neue Formen der Präsentation geht es nicht.
Wie immer werden die Fototage als Parcours inszeniert. Als
primäre Standorte mit dabei sind das Photoforum und das Museum Neuhaus sowie
die Alte Krone, aber auch Ausstellungen in kleinen Kellern und Ateliers in der
Altstadt gehören traditionsgemäss zum Rundgang. Das von Sponsoren und der Öffentlichkeit finanzierte Budget von
gut 200 000 Franken erlaubt auch heuer keine grossen Sprünge; nur vereinzelt
können Editionen bisher unveröffentlichter Fotos mitfinanziert werden; meist
muss auf bereits bestehende Portfolios zurückgegriffen werden. Entscheidend für
die Qualität der Fototage 2010 wird aber letztlich sein, ob die inhaltlichen
Visionen über die fotografische Ebene so visualisiert sind, dass die Funken
springen und ein roter Faden ersichtlich ist.
Info: 3. bis 26. September. Link: www.jouph.ch
Die Themen
„Les foux d’images“ gründeten 1997 die Bieler Fototage.
Stets waren sie einem Thema gewidmet.
1998: „Nord-Süd“ 1999: „Wenn die Bilder stehen bleiben“
2000: „subjektiv-objektiv“ 2001: „Landschaft“
2002: „Macht und Freiheit“ 2003: „Mode und Körper“
2004: „De la vie à la mort – de la mort à la vie“ 2005: „On the road again“
2006: „Die Rückkehr der Physiognomie“ 2007: „Nicht-Orte“
2008: „Make believe“ 2009: „Band à part“ (azw)
Bildlegende:
Nina Bermann (USA) widmet ihre Aufmerksamkeit der Militarisierung des Amerikanischen Alltags seit 9/11. Aus der Serie "Homeland".