Wie
Raphaël Zarkas Ausstellung im Centre d’Art Neuchâtel (CAN) zeigt, ist die
zeitgenössische Kunst in Neuenburg wieder auf hohem Niveau präsent. Dahinter
steckt Arthur de Pury.
Das CAN ist wieder, was es einst war: Eine überregional bedeutende „Kunsthalle“ mit sorgfältig erarbeiteten, intelligenten Ausstellungen. Der erste Auftritt des in Paris lebenden Raphaël Zarka (geb. 1977) in der Schweiz ist quasi der Beweis dafür. Dass der ebenso mit Bezügen zur Renaissance-Malerei wie zu „gefundenen“ Skulpturen Arbeitende 2010 eine „Solo-Show“ im Palais de Tokyo in Paris hatte, ist aufschlussreich. War doch dessen Direktor, Marc Olivier Wahler, in 1990ern Leiter des CAN und Arthur de Pury, der seit 2008 mit der Führung des zwischenzeitlich verstummten Centre d’Art betraut ist, bekennt sich explizit zu seinem Vor-Vorgänger. Keineswegs im Sinne einer Abhängigkeit, aber vielleicht in der gemeinsamen Vision, dass zeitgenössische Kunst ebenso in der Zeit zu stehen wie gescheit zu sein hat.
Mit
Raphaël Zarka steht de Pury seit zwei Jahren in Kontakt, war involviert in
dessen Recherchen zu Gibellina, wo, kaum bekannt, das grösste Land-Art-Projekt
Europas vor sich hin dämmert. Zwei kurze Filme – der eine zu Gibellina Nuova,
der andere zu Gibellina Vecchia – bilden im CAN räumlich und inhaltlich die
Klammer der Ausstellung.
Gibellina
ist ein Dorf auf Sizilien. Es wurde 1968 durch ein Erdbeben zerstört und
danach, etwas entfernt, als Vision
moderner Architektur und Kunst wieder aufgebaut. Der Maler Alberto Burri
(1915-1995) – berühmter Vertreter eines materialbetonten Informel – realisierte
hierbei ein gewaltiges Projekt, das notabene nie fertig wurde. Er überzog das
alte Gibellina mit einer mächtigen Beton-Schicht; so, dass nur die Enge der
alten Gassen, nur die Geometrie des Ortes, erhalten blieb.

Zarka filmte, im alten und im neuen Gibellina. Was an den ab DVD projizierten Videos fasziniert, ist, dass beide Orte in Raum und Zeit fernab wirken und doch eine innere Beziehung signalisieren, sowohl sozial – man sieht Kinder, Bauern, Besucher – als auch künstlerisch, das heisst als Architektur respektive Skulptur in der Landschaft.
Das
Herausholen von Gegenwart aus der (Kunst)-Geschichte ist eine Art roter Faden
im Schaffen des erst 34-jährigen Künstlers. Wobei sich diese „Gegenwart“ primär
formal respektive abstrakt manifestiert, auf etwas verweist, was dahinter liegt
– eine gemeinsame Geometrie zum Beispiel. Konkret: Da gibt es ein Bild des
Malers Antonella da Messina (1430-1479) mit dem Titel „Studiolo“ – man findet
es im Internet! – das, in zwei Dimensionen gemalt, eine dreidimensionale,
hölzerne Schreib-Werkstatt in einer hohen gotischen Architektur zeigt. Zarka
holt die bezüglich Design verblüffende „Werkstatt“ aus der Malerei heraus und
lässt sie aus furniertem Birkenholz in 3D nachbauen (69x53x43 cm). Ihrer
Funktion enthoben, wird sie architektonische Skulptur.

Noch deutlicher wird Zarkas Interesse am Verhältnis von Form und Proportion, an der Multifunktionalität von Form in Bezug auf die ihr innewohnende Geometrie am Beispiel eines dreifachen „Trichters“. Dieser ist aus Einzelformen zusammengesetzt, die identisch sind mit Keilen wie man sie zum Spannen von Leinwänden braucht. Der Zusammenhang ist fakultativ, die abstrakte Skulptur steht für sich, weist aber gleichzeitig auf Ordnungen hin, die übergreifend sind.
In ähnlicher Weise offen präsentieren sich die ausgestellten Fotos – gefundene Skulpturen, wie Zarka sagt. Da ist zum Beispiel ein Bild eines seit längerem nicht mehr genutzten Lagers eines Beton-Bau-Unternehmens mitten in einer verblühten Wiese in Frankreich. Im Kontext wird das Lager mit visueller Leichtigkeit zur bereits etwas verwitterten konstruktiven Skulpturen-Assemblage.
Die Ausstellung ist nicht in fünf Minuten in den Sack zu stecken, das ist gut so. Der Begleittext von Arthur de Pury erhellt indes Vieles, vor allem auch Zarkas Leitmotiv, das besagt, wer meine, er könne oder müsse Neues erfinden, beleidige damit gleichsam die Formen der Welt.
Das CAN wird heute von der 2005 gegründeten Vereinigung „Kunstart“ mit Sitz in Neuenburg getragen.
Präsident ist Jean-Christoph Blaser (Musée de l’Elysee, Lausanne), Sekretär ist Gauthier Huber (Kurator/Kunstkritiker).
Das CAN wird von Stadt und Kanton Neuenburg subventioniert, wenn auch nur bescheiden. Weitere Geldgeber sind u.a. die Fondation Nestlé, das Bundesamt für Kultur, die Fondation Sandoz, das Migros Kultur-Prozent. Die finanzielle Situation ist längerfristig ungesichert.
„de Pury“ : da kommt einem unter anderem der Wirtschaftstheoretiker David de Pury, der Auktionator Simon de Pury, der Künstler Laurent de Pury in den Sinn. „Wir sind tatsächlich alle verwandt“, sagt Arthur de Pury und ergänzt: „Alle suchen auf ihre Weise eine kreative Antwort auf die Tradition der Familie“. Arthur de Pury machte sich nach der Matura auf nach Indien, arbeitete für Nonprofit-Organisationen, kam zurück und brach wieder auf – auf einen einsamen Marsch durch die Anden. Er zappte durch die Angebote der Universität, zog temporär nach Berlin, profilierte sich als Konzert- und Festivaldirektor. Als sich nach dem Tod von CAN-Gründer Jean-Pierre Huguet (2006) Kräfte für ein neues CAN formierten, schlug die Stunde von Arthur de Pury. Er wurde 2008 mit der Führung des Kunstraumes beauftragt. Mit Einzelausstellungen, Zusammenarbeitsformen – zum Beispiel mit dem Substitut, dem Ort für Kunst aus der Schweiz in Berlin, mit dem NIFF (dem Festival du film fantastique), dem Marks Blond-Projekt – gibt de Pury dem Neuenburger Kunstraum mehr und mehr Profil. In die Nesseln setzte sich de Pury 2009/10 mit seinem Vorschlag, für die 1000-Jahr-Feier die umstrittene Kaaba von Gregor Schneider nach Neuenburg zu holen. Aus seiner Sicht ist der schwarze Kubus eine abstrakte Skulptur, die in Dialog mit der Zeit der Bilderzerstörung während der Reformation steht, doch das ging den Politikern nicht in den Kopf. Lorbeeren hat er sich trotzdem geholt damit; man kennt ihn nun als radikalen und zugleich sensiblen Denker und Kurator. Erst vor wenigen Wochen wurde er von Pro Helvetia in die neue Jury für die internationalen Biennalen geholt. Seine Arbeit für das CAN sieht er ebenso als künstlerische wie als strukturelle Aufgabe: „Das CAN muss in Zukunft mehr institutionelle Sicherheit haben, ein fester Bestandteil des Neuenburger Kulturlebens werden.“
Bildlegenden:
Arthur de Pury (geb. 1969); Raphael Zarka, aus dem Video "Gibellina Vecchia" (Fotografie), "Studiolo", Skulptur nach Antonella de Messina, "Skulptur" (Fotografie, Sizilien). Bilder: azw/zvg
Bis 27. März 2011