Die aktuelle Ausstellung in der Art-Etage in Biel bietet eine spannende Begegnung mit der Malerin Anja Ganster. Auf Reisen sucht sie Licht und im Atelier die Erinnerung daran.
Es ist die erste Einzelausstellung von Anja Ganster in der Schweiz. Doch zu sagen, die 1968 geborene Künstlerin sei im Raum Mainz aufgewachsen und lebe erst seit 2008
im Raum Basel, sagt wenig aus, denn bis vor kurzem war Anja
Ganster vor allem Nomadin. Immer wieder packte sie das Fernweh, hatte sie
andere Ateliers und andere Wohnorte; in Brasilien, in Spanien, in Australien
usw.
Wenn man unterweg
s sei, schaue man ganz anders, viel neugieriger,
viel mehr darauf aus, Besonderes zu sehen und dieses auch wahrzunehmen, sagt
die Künstlerin. Stets mit dabei hat sie ihre Digitalkamera. Wo immer sie etwas
„anspringt“, hält sie es fest. Laptop und externe Speicher bewahren Tausende
von Bildern. Allerdings zeigt sowohl die Ausstellung wie die in der Galerie
aufliegende Monografie von 2009, dass es letztlich doch Wiederkehrendes ist,
das sie „elektrisiert“ und später für die Umsetzung in Malerei selektioniert.
Zunächst ist da die lapidare Beobachtung, dass alle Bilder
nächtliche Situationen oder durch künstliches Licht erhellte Orte zeigen. Dann
fällt das Fehlen von Menschen auf, obwohl die Bilder eigentlich menschbezogene
Motive darstellen. In der Schuhmacher-bude brennt zwar das Licht, doch vom Schuhmacher
fehlt jede Spur, in der Shopping Mall fährt niemand die Rolltreppe hoch und auf
der Baustelle ruht die Arbeit, fahl beleuchtet von einer Strassenlaterne. Es
ist als möchte die Künstlerin mit ihren Motiven allein sein.
Die Bilder haben denn auch nicht Dokumentarisches zum Ziel,
wollen schon gar nicht Reiseberichte sein. Als Betrachterin vermag man nicht zu
orten, wo diese Innen- und Aussenräume sind.
Langsam drängt sich auch der
Verdacht auf, dass diese und jene
Szenen ebenso unscharfe Realität wie Fiktion sein könnten. Steht der Tisch,
unter dem es seltsam leuchtet, etwa in einem Spiritisten-Boudoir? Sind die
Korpusse in diesem Architektur(?)-Büro belichtet oder nur Licht-Körper? Was
erleuchtet die geheimnisvolle Volière im kahlen Baum?
Die Antworten tendieren nicht einfach zu geheimnisvollen Geschichten; sie sind ebensosehr Kunst-Geschichte. Bevor Anja Ganster vor etwa acht Jahren zu urbanen Motiven überging, war sie Landschafterin, ging mit ihrer Staffelei nach draussen und malte wie einst die Impressionisten „en plein air“, spürte dem Licht in der Natur nach. Und das behielt sie bei, allerdings nicht mehr die Spiele der Sonne beobachtend, sondern jene des künstlichen Lichtes und – ebenso sehr – der Erscheinung ihrer Fotografien im digitalen „Lichtkasten“. Damit tritt sie mit der heutigen Lebenswirklichkeit in Diskurs ohne die Tradition der Malerei über Bord zu werfen; eine spannende Position.
Der erste Schritt zu einem neuen Bild – vor allem den Grossformaten – ist eine Projektion; doch damit wird eigentlich nur das „Gerüst“ festgelegt. Dann malt Anja Ganster mit verdünnter Farbe – mal Öl, mal Acryl – nach der Erscheinung der Fotografie auf dem Computer-Bildschirm neben ihr weiter. Jeder Lichteinfall ins Atelier kann das Desktop-Bild verändern und die Vorstellung kann es weiter treiben; die Malerin ist nun Magierin. Es ist nun egal, ob es damals so war als sie vor diesem Kiosk stand, in dieser Hotelhalle sass, in diesem Souvenir-Shop fotografierte. Nun steht die Malerei im Mittelpunkt, die Faszination, mit Pinsel und Farbe Licht zu evozieren, die Dinge zu verändern, Erinnerungen zu steigern. Details sind nicht mehr wichtig, es geht nicht um die Dinge, sondern um das Bild, um die Atmosphäre, um die emotionale Qualität des Augen-Blicks.
Art-Etage, Seevorstadt 71 (Pasquart-Annex-Bau), bis 16. April. Offen: Mi-Fr 14-18, Sa 11-18 Uhr.
Die Geschichte der Art-Etage beginnt an der Quellgasse. Ende 2003 zog der Solothurner PR-Fachmann, Lehrer und Kunstvermittler Alfred Maurer mit Büro und Galerie nach Biel. Als Präsident des Solothurnischen Kuratoriums wollte er örtlichen „Filz“ vermeiden.
Mit Leidenschaft zeigte er in der „gq3“ ein dichtes, eher
leises als lautes Programm. Den Start gab Barbara Meyer-Cestas Barbie-Serie, es
folgten Ausstellungen mit Daniela Erni, Percy Slanec, Pavel Schmidt, Verena
Thürkauf, Ursula Jakob, Lex Vögtli, Richard Müller u.v.a.m. Parallel dazu
betrieb Maurer am selben Ort sein Kommunikations-unternehmen „Gestaltung, Form,
Funktion“ (gff).
Dann, 2006, die grosse Überraschung: Alfred Maurer wurde zum Vize-Direktor der Schule für Gestaltung Biel und Bern gewählt. Die Galerie setzte ihren Betrieb fort, nun mit immer stärkerer Beteiligung von Noémi Sandmeier, der Grafikerin von gff.
Mit dem Umbau des ehemaligen Altersheims Pasquart zum Verwaltungs- und Atelierhaus ergab sich für die Galerie die Chance in die unmittelbare Nähe von Museum, Photoforum, Espace libre und Filmpodium zu ziehen. Mit einer Ausstellung der im Haus arbeitenden Künstlerinnen und Künstler startete die Art-Etage Ende 2008 am neuen Ort.
Mit der umstrittenen Abwahl von Alfred Maurer als Vorsteher der
Schule im Jahr 2009, begann sich der Kultur-Fachmann begreiflicherweise mehr
und mehr aus Biel zurückzuziehen. Er ist heute als Sonderschullehrer tätig und
hat seine eigene künstlerische Tätigkeit als Fotograf wieder aufgenommen.
An der Vernissage von Anja Ganster gab er nun seinen gänzlichen Rückzug aus der Galerie bekannt und übergab das Szepter offiziell an Noémi Sandmeier, welche die Galerie im bisherigen Sinn, aber auch mit neuen Ideen weiterführen wird. Alfred Maurer wird sie dabei so weit unterstützen wie das die neue Galeristin wünscht.
1968 geboren in Mainz
1995 Diplom Kommunikationsdesign an der FH Wiesbaden
2001 Diplom Akademie der Bildenden Kunst, Mainz
2005 MFA Painting, Slade School of Fine Art, London
Letzte Einzel-Ausstellungen: „Von der Substanz des Lichtes“, Neue Galerie Landshut; Galerie CP, Wiesbaden; Wyer Gallery, London.
Erste Auftritte in der Schweiz: Regionale 8 und 9, Raum Basel; „Ernte“, Ankäufe des Kantons Basellandschaft, Kunsthaus Baselland, Muttenz.
(azw)