www.annelisezwez.ch Annelise Zwez in Bieler Tagblatt vom 9. Juni 2011
„Catching the vanishing“ nennen Verena Lafargue und Helen Pinkus ihre Ausstellung in der Kultur-Mühle in Lyss. Überzeugend sind vor allem zwei multimediale Installationen.
Es ist begreiflich, dass das Bieler Publikum nach dem langen „Joli mois de mai“ mit seinen 25 Vernissagen ausstellungsmüde ist. Die Vernissage von Verena Lafargue Rimann und Helen Pinkus-Rymann in der Kultur-Mühle in Lyss war nur mässig besucht. Nichtsdestotrotz ist „catching the vanishing“ ein regionales Must. Die im Kern fast 800jährige Mühle, die nur so weit renoviert ist, dass sie die Sicherheits-bestimmungen erfüllt, ist für installativ arbeitende Künstler und Künstlerinnen ein Eldorado: Offene Zonen, steile Treppen, geheimnisvolle Kammern, verwinkelte Dachstöcke. Die Situation zu nutzen und zu steigern ist indes herausfordernd.
Aktuell sind schon der Titel und das Haus miteinander verbunden, denn die Spuren von Geschichte sind all überall und doch oft schweigsam, gleichsam verschwunden in der Zeit. Verena Lafargue nimmt das Geheimnisvolle auf, weist auf Hier und Dort, bedenkt das Sichtbare und das Entschwundene. Sie tut dies nicht ortsspezifisch, sondern in einem zwischen Physik und Metaphysik oszillierenden Sinn. Der Ingenieur Thomas Batschelet steht dabei für Physik und Informatik, die Künstlerin für den Traum, Tod und Leben im Geist zu verbinden; ein Thema, das sie seit langem immer wieder neu interpretiert.
Konkret: Drei hochformatige Spiegel stehen frei im Raum; nicht zufällig ein
Tryptichon. Auch Altäre sind als Tryptichen angelegt.
Lafargue schreibt mit
einem Apfelstück (Eva lässt grüssen) Buchstaben darauf. Sie sind nicht lesbar.
Doch da läuft plötzlich Wasser und der Spiegel beschlägt sich. Die Buchstaben
werden Schrift: „Spéculation“ – „Reflète ce qu’il y a dans ton coeur“ –
„Considération“ steht jetzt auf den drei Spiegeln. Spekulation ist ein
physikalischer Begriff, aber nicht nur. Die Reflektion weist darauf hin, dass
in einem umfassenden Sinn mehr wirkt als sichtbar ist. Und die „Considération“
mahnt zum Bedenken dieser seltsamen Einheit von Physik und Metaphysik. Als
Betrachter ahnt man nicht wie komplex die Installation ist, doch Batschelets
Physik-Blätter am Info-Desk zeigen auf, wie exakt Wasser und Temperatur
zusammenwirken müssen, respektive dass ein beschlagener Spiegel, der
Unsichtbares sichtbar macht kein Zufall ist. Und gerade diese Vernetzung ist
die künstlerische Kraft der berührenden Installation respektive Performance.
Verena Lafargue vermag den Faden weiterzuspinnen. Unters
Dach eingezwängt schwingt ein Plastik-Vorhang hin und her. Ein darauf
projiziertes Video zeigt eine junge Frau; sie schaut in dieselbe Richtung wie
die Besucher; man sieht nur ihren Rücken, bis sie sich kurz umdreht, schaut und
verschwindet. Aus Zeitungspapier und Scotchband geformte Spielzeugtiere stehen
im Halbrund davor. Lafargue nennt sie „Zeugen“.
Die Installation hat märchenhafte Züge, erinnert stimmungsmässig
an Orpheus und Eurydike und fasziniert in der philosophischen Übertragung des
Themas „catching the vanishing“. In einem Museum wäre alles noch ein bisschen
perfekter, aber vielleicht ist es ja gerade das Fragile der Anlagen, das mit
dazu gehört.
Helen Pinkus vermag die Intensität Lafargues nicht zu
erreichen. Ihre Bildarbeiten weisen in der Kombination von grellem Papier mit
zeichnerisch ausgelegten Tonbändern, Filmspulen, Skizzen von Menschen, textilen
Spitzenstreifen und mehr auf den „Wahnsinn“ unserer Gesells
chaft, die vor
lauter Partystimmung ihre eigene Geschichte mehr und mehr zu verlieren droht.
Nur noch ein Sammelsurium von „goldige Nüteli“ erinnert in einem Kasten an so
vieles, was einmal war. Ähnlich wie die grafisch konzipierten Zitate aus
Gotthelfs „Schwarzer Spinne“, die an eine uns längst entfremdete Zeit erinnern.
Bis 26. Juni 2011
Bildlegenden:
Zwischen unsichtbar und sichtbar: Verena Lafargue schreibt
Worte auf Spiegel.
Helene Pinkus legt Gotthelf aus. Fotos: azw