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Newsletter III 2026

EMMANUELLE ANTILLE „Angels Camp“, Mehrkanal-Videoinstallation, 2003, z.Zt. zu sehen in der A“Mehr Licht – Video in der Kunst“ im Aargauer Kunsthaus in Aarau. Foto : azw
Die meiner Ansicht nach herausragendsten Ausstellungen im aktuellen Schweizer Museumsbetrieb sind «MEHR LICHT – VIDEO IN DER KUNST» in den Kunstmuseen von Aarau und Solothurn. Die erstmalige Kooperation gehe darauf zurück, dass ihn beide Häuser fast gleichzeitig für eine Mitwirkung an einer Video-Kunst-Ausstellung angefragt hätten und er daraufhin das «Doppelpack» mit verschiedenen Akzenten vorgeschlagen habe, sagt Aufdi Aufdermauer. Dass sowohl Kathrin Steffen (die Direktorin des Museums in Solothurn) wie Katharina Ammann (die Direktorin des Aargauer Kunsthauses) gerade ihn angefragt haben, ist naheliegend, ist doch zur Zeit eine Ausstellung mit komplexen Videoarbeiten ohne Aufdermauers «Videocompany» (Zofingen) im Raum Jurasüdfuss und weit darüber hinaus kaum denkbar. Wobei darin natürlich auch eine gewisse Einseitigkeit versteckt ist.
Doch der Reihe nach: Während man (vereinfacht formuliert) Bilder bis zurück ins Spätmittelalter immer noch an die Wand hängen kann, ist die in ihrer Pionierzeit bis in die 1960er/70er-Jahre zurückreichende Videokunst teilweise bereits so veraltet, dass sie nicht mehr gezeigt werden kann, da es die Abspielgeräte nicht mehr gibt, die Bänder verklebt sind usw. Luzern machte bereits 2019 eine Ausstellung zum Thema. In Aarau und Solothurn macht je eine Arbeit von Nam June Paik (Südkorea/Japan) den Auftakt zu den ansonsten rein schweizerischen Ausstellungen (eine Seltenheit!). Paik gilt unbestritten als «Vater» der Videokunst. Dass beide Arbeiten gezeigt werden können ist ein Glücksfall . «Fire place» (1992) kam im Keller eines privaten Unternehmens zum Vorschein – da gelandet, da defekt – und musste komplett neu aufgebaut werden. Dass die Arbeit wie eine Glut nach einem zerstörerischen Ereignis wirkt, ist geradezu symbolisch. Der Solothurner Auftakt ist eine brennende Kerze, deren züngelnde Flamme von einer Kamera aufgenommen wird und über Dreiröhren-Abspielgeräte (grün/blau/rot) dreifach an die Wand projiziert wird. «Wenn die letzten dieser Abspielgeräte ausgestiegen sind, ist «One candle» nicht mehr inszenierbar» (Zitat Aufdi Aufdermauer). Siehe Bild.
Die beiden Ausstellungen sind keine Doubletten. Aarau beginnt mit einem historischen Auftakt, u.a. mit Anna Wintelers «Le petit déjeuner sur la route d’après Manet» (1979), in dem die Tänzerin/Künstlerin – bereits ganz gezielt das Gender-Thema aufgreifend – dem Rheinufer in Basel entlang geht/hüpft/tanzt und sich dabei Stück um Stück entkleidet. Siehe Bild links. Da ist aber auch Guido Nussbaums «Schnipp-Video» (1987), in dem er, nur halb sichtbar (wie oft), – seitlich des Körpers mit dem rechten oder linken Daumen schnippt, was die Farbe im Hintergrund ändert.
Dann aber wechseln in Aarau die Videos (meist Video-Projektionen, oft in grosszügiger Inszenierung nur eine pro Raum) bereits mehr oder weniger in die Gegenwart, allerdings stets unter dem Blickwinkel der technischen Entwicklungen. Trotzdem sind viele Projektionen eigentliche Ikonen! Zum Beispiel das «Angels Camp» von Emanuelle Antille – eine Vier-Kanal-Installation, die 2003 im Schweizer Pavillon der Biennale Venedig zu sehen war und ein drei Generationen Familien-Ferienlager mit viel Spass und Musik zeigt. Siehe Titelbild. Es gibt sehr viele Highlights – eines mag ich besonders, «Mare mosso» von Judith Albert. Es zeigt eine Meereslandschaft mit einer am Strand entlang balancierenden Figur. Das am Ufer aufschäumende Wasser ist indes keine Naturaufnahme, sondern ein immer neu gerissener Papierstreifen und die Figur eine Art Doppelbelichtung des Videos. Da wird mit dem Medium gearbeitet – das gefällt mir! Siehe Bild.
Wer in Aarau wichtige Figuren als ungenügend vertreten empfindet, der urteile erst nach dem Besuch in Solothurn. In beiden Ausstellungen sind sowohl dieselben wie auch abweichende Positionen vertreten. Yves Netzhammer z.B. ist in Aarau u.a. mit Beispielen aus der Serie «Die Pflege der Argumente» vertreten (darin denkt sein Äffchen mit der bekannten Netzhammer-Gliederfigur über ein Gerüst, ein Konzept(?) nach). Aber in Solothurn ist ihm der ganze Parterre-Raum rechts gewidmet – eine möblierte Raum-Installation mit eingeschobenen Videoszenen aus der surrealen Epoche des Künstlers, die gleichsam die letztjährige Einzelausstellung rückwärts ergänzt. Auch Pipilotti Rist ist in Solothurn mit Möbeln präsent; vom überdimensionierten, roten Sofa aus, lassen sich per Fernbedienung frühe Videoarbeiten («I am not the girl who misses much» z.B.) am «Fernsehen» aufrufen. Während in Aarau lediglich eine Stuckatur-Arbeit (seit wann fertigt die Künstlerin bukolische Deckenstuckaturen?) mit wanderndem Farbfleck zu sehen ist.
Das Kabinett einbeziehend, ist Solothurn die stärker auf die Medienhistorie ausgerichtete Ausstellung, es gibt aber auch da eingängige Schauvergnügen. Z.B. die Installation von Susanne Hofer, die gewöhnliche Dinge von kleinen Beamern so auf eine Wand projiziert, dass die Schatten eine Stadt-Silhouette entstehen lässt (ein wenig erinnert sie mich an Glas-Arbeiten von Hugo Suter).
Hier wie dort wird auch der Dialog mit der hauseigenen Sammlung gepflegt. So können u.a. Arbeiten derselben Kunstschaffenden in anderen Medien miteinbezogen werden. Still gelacht habe ich im «Hodler-Saal» in Solothurn, als ich merkte, dass ich plötzlich erwartete, dass sich die Hodler-Wolken zu bewegen beginnen.
«Mehr Licht» ist ein tolles und nicht zu verpassendes Ereignis!
ERSETZEN OFF SPACES DIE SCHWINDENDE ZAHL AN GALERIEN?
Etwas ganz anderes: Die Klage vieler Kunstschaffender, es gebe wegen der Minderzahl an Galerien immer weniger Ausstellungsmöglichkeiten, kontern schon seit einiger Zeit die zahlreichen Off-Spaces landauf, landab. Sie sind gleichsam das Salz der regionalen Kunstszenen, durchsetzt mit verschiedensten Gastauftritten. Eben habe ich eine bis ins Detail ausgearbeitete, ebenso ernst gemeinte wie humorvoll umgesetzte Präsentation der jungen südkoreanischen Vania Oh in dem vom Fotografen Enrique Munoz betriebenen «Juraplatz» in Biel/Bienne gesehen: «5 Min Stop». Ihr geht es um das Leiden der Tiere angesichts des Klima-Wandels. Die Künstlerin hat – ganz in der asiatischen Tradition der Emoji, Manga, Comic etc. – eine Art Prothesen für sie geschaffen, für die
Schildkröten zum Beispiel einen Zusatzpanzer mit Ventilatoren (Bild rechts), für die Eisbären «Hopper Paw Sneakers» mit denen sie auf dem Wasser (statt Eis) gehen und jagen können etc. Und damit man immer wieder an die Situation denkt, erhielt man an der Vernissage aus einem Dispenser mit Münzeinwurf eine Kugel mit einem der Tiere aus dem 3D-Drucker zum mit nach Hause nehmen. Siehe Bild links. Kurator der Ausstellung war der Südkoreaner Park Byoung Uk, Kopf der «Nine Dragon Heads», einer internationalen Künstler*innengruppe, zu welcher auch mehrere Bieler Kunstschaffende zählen. Physisch gesehen haben die (zeitlich kurze) Ausstellung nur wenige, aber Vania Oh bespielt die Sozialen Medien First Class – und so reist die Ausstellung virtuell um die Welt und tut es weit über die Präsenz am Juraplatz hinaus. So konstruiert sie Bedeutung!
Auch einer der am längsten ununterbrochen tätigen Off Spaces – das sog. «lokal-int.» – befindet sich in Biel. Die Liste der Künstler*innen, die hier schon einen Auftritt hatten ist enorm – man scrolle auf der Website mal bis zum Anfang! Pointe: 2006 (!) gründeten Chri Fautschi und Enrique Munoz gemeinsam das lokal-int. bis sie dann später je eigene Wege gingen. Man könnte jetzt eine Aufzählung starten: Grand Palais (Bern) Palais (Neuenburg), Circuit (Lausanne), Mokka-Rubin (Olten), Espace Borax (Vevey), Satellit (Thun) usw. usf. Die Probleme sind überall dieselben. Auch wenn sie von Stiftungen, Pro Helvetia, dem Lotteriefonds etc. bescheiden unterstützt werden, reicht es nicht, um irgendwelche Honorare zu bezahlen, geschweige denn Öffnungszeiten einzuhalten. Dadurch werden sie zu lEventlokalen, die praktisch nur über Vernissage und (ev.) Finissage funktionieren. Das heisst für die Kunstschaffenden: Investition von Zeit und Geld statt Verkäufe, um die eigene Existenz zu sichern. Es kommt hinzu, dass der Charakter von Off Spaces eher nach Experimenten, Installationen, situationsbezogenen Inszenierungen ruft, somit eigentlich nur selten, oft keine gängig verkäuflichen Werke gezeigt werden. Darüber hinaus verkehren in Off Spaces in der Regel kaum kaufkräftige Galerien-Publika. Schwierig! Und kein Ersatz für engagierte Galerien!
FAST 90 MANOR PREISE
Nicht aus dem Schweizer Kunstbetrieb wegzudenken sind die meist alle zwei Jahre in zwölf Kantonen vergebenen Manor-Kunstpreise, da sie geschickterweise nicht nur einen Geldbetrag von 15’000 Franken, sondern mit der Finanzierung einer Ausstellung, einer Publikation und eines Ankaufs in einem der Museen in diesen Kantonen verbunden sind. Kriterium ist dabei, dass es in der entsprechenden Stadt ein grösseres Manor-Verkaufsgeschäft gibt. Ich erinnere mich an den «Kampf» von Pasquart-Direktorin Dolores Denaro nach der Eröffnung des Warenhauses in Biel einen «Manor-Preis Bern» in Biel zu etablieren (2008/09); der bisher letzte seiner Art.
Die Wiege der anfänglich Nordmann-Preis genannten Auszeichnung ist in Luzern, hier gab es ab 1982 alljährlich eine Preis-Vergabe. Der erste Preisträger war der Objekt-Künstler Andreas Gehr, (*1942) der im Gegensatz zu den folgenden, will heissen Claude Sandoz, Luciano Castelli, Eva Stürmlin u.v.a.m. seit längerem nicht mehr im Bereich Kunst tätig ist. Die eben in der Salle Poma des Kunsthaus Biel eröffnete Ausstellung von Anita Muçolli (*1993 Burgdorf) ist die 89te ihrer Art. Ihr Titel: «Navigating Estrangement», was im Kontext so etwas wie die «Erfahrung der Entfremdung» heisst. Es ist eine äussert sorgfältig inszenierte, mit viel Leerraum inszenierte Schau, die sowohl die Entfremdung wie – zentraler – die Umkehrung davon beinhaltet. Man muss in ihr verweilen, um schliesslich die innewohnende Zuneigung zum Thema zu spüren, wer weiss, vielleicht sogar ein paar Tränen zu vergiessen. Tränen? – Ja.
Auftakt bildet nämlich ein verdreifachtes (sprich: intensiviertes), Hochglanz-Video, das für Kapseln zum Weinen im öffentlichen Raum wirbt. Die Verwandtschaft mit den Sterbe-Kapseln ploppt sogleich vor dem inneren Auge auf. Siehe Bild! Doch schon die nächste Arbeit weist den Weg in eine andere Richtung. Eine aus glänzendem Chromstahl gefertigte Sitzgelegenheit mit Kissen, die – setzt man sich darauf – schnurrende (somit auf Wohlsein verweisende) Geräusche verlauten lässt. Das Tränenthema taucht dann im Folgenden in einem sowohl an Alice im Wunderland wie an antike Wasserbecken erinnerndes Aluminiumguss-Objekt, das den Lauf vergossener Tränen in etwas Emotionales, auch Kostbares verwandelt. Das berührt. Das Thema «wider die Entfremdung» ist aber auch in den durch feine Kettchen verbundenen Löffel-Duos sowie in den ähnlich verbundenen Suppentellern in einem sorgfältigst aus Holz gefertigten Gestell enthalten. Siehe Bild. Anita Muçolli, die in Basel studierte und auch da wohnhaft ist, bringt immer auch Persönliches in ihre Arbeit ein, hier in einer Zeichnung mit kleinen Mäusen, die vermutlich in Zusammenarbeit mit ihrer Tochter entstand.
diagonale Trennung der Salle Poma gibt dem Raum eine veränderte Perspektive, meint aber wohl auch die Zwei-Räumigkeit von davor und dahinter, somit im übertragenen Sinn vielleicht auch von Realität und Empfindung. Summa summarum: Sehr beeindruckend.
Die Manor-Preise in den jeweiligen Kantonen werden von einer Jury mit Vertreter*innen der Maus-Frères-Gruppe (Genf) sowie regionalen Kunstfachleuten auf Vorschläge (ohne Mitbestimmung!) der Museen erkoren. Dadurch ergibt sich ein offenes Potpourri von Stilen und Ausrichtungen – man denke aktuell zum Beispiel an die gänzlich verschiedenen Kunstpraxen von Anita Muçolli in Biel, Cassidy Toner in Basel und Ishita Chakraborty in Aarau (2025).
Es ist Zufall – aber was für einer! – dass gleichzeitig mit Anita Muçolli auch die Ausstellung von NELSON SCHAUB (*1995) mit dem Sonderpreis der Kiefer-Hablitzel- resp. Göhner-Stiftung gezeigt wird. Seine Präsentation ist für mich ein «no go» – ein widerliches Gebastel mit einem Karton-Sarg voller WC-Papier, mit von Multipack-Rasiermessern gestützten Badezimmer-Collagen/Objekten, mit unsorgfältig eingeschweissten WC-Papier-Bahnen, die ev eine Figur, eine Blume darstellen. Siehe Bild. Er/Sie sehe seine/ihre Kunst mit einem Niederreissen aller Geschlechtsidentitäten, heisst es. Für mich gilt, was eine Bieler Künstlerin, mit der ich diskutierte, richtig bemerkte, mit dem Dégout, den er auslöst, verschafft er sich die gewünschte thematische Aufmerksamkeit. Quod erat demonstrandum.
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