1. Newsletter IX 2026

CIAO FEI  *1978 GUANGZHOU/CHINA – LEBT  IN PEKING: STILL AUS „RUMBA II: NOMAD (2015). BEGEGNUNG MIT HAHN (künstlich) AUF ROBOTER-STAUBSAUER IN RUINEN ABGERISSENER QUARTIERE. AUSSTELLUNG IM KUNSTMUSEUM BASEL/GEGENWART. Foto: azw

Und wieder beginne ich den Newsletter mit einer Frage. Wo ziehen wir heute die Grenze zwischen Gestaltung und Kunst? Kunsthandwerkliches Schaffen wurde lange vehement aus dem Kunstkanon verbannt. Jede Kunstbegriff-Erweiterung kratzte indes an der Trennung, aber noch immer gibt es die Swiss Awards für freie und für angewandte Kunst. Die Grenze wird dabei meist durch den Begriff der Funktion gezogen.

Und jetzt kommt da der Textildesigner CHRISTOPH HEFTI (*1967 Zürich), dessen Raum- und Wand-Teppiche eindeutig Kunstcharakter haben, der aber gleichzeitig sagt, er könne sich Kunst ohne Gebrauchsfunktion nicht vorstellen. Das heisst, er durchbricht auch die letzte Unterscheidung indem er uns heisst seine in verschiedensten Techniken gearbeiteten Geschichten-Teppiche als Raumkörper wahrzunehmen und uns in deren erzählerisch-bildlichen Kulturenmix «einzugraben».

Was ist es, dass wir ihm – zumindest gedanklich – gerne folgen? Vermutlich ist es seine Haltung, seine Arbeitsweise, die Dichte und die freie Form des Erzählerischen, das eine Ausdrucksintensität herbeizaubert, die uns packt. Nun kann er uns im Rahmen seiner Ausstellung im Museum für Gestaltung in Zürich natürlich nicht zu einem Ruhestündchen auf (oder in) seinen Teppichen einladen, sodass sie mehrheitlich die Wände «tapezieren» (oder als bedruckte Vorhänge den Raum teilen), was die Inszenierung nicht in einem engeren Sinn revolutionär erscheinen lässt. Aber indem er eine Wand ganz mit Skizzen bestückt, zeigt er seinen formalen und inhaltlichen Suchprozess und lässt uns die darauf folgende Assemblage der Elemente und die Umsetzung ins Textile (oft Wolle, Seide und Hanf) erkennen.

Lange waren die Aufenthalte in Nepal, wo er seine Teppiche herstellen lässt, auch aktiv mitgestaltet, in der Bildsprache deutlich erkennbar, nicht zuletzt durch eine Vielzahl von Masken, die zuweilen nur als Augen erscheinen oder Tieren resp. Fabelwesen gehören.

Glücklicherweise haben noch immer fortdauernde Arbeits- und Produktions-Aufenthalte in Marokko eine gewisse Abstraktion – auch einen anderen Farbenmix – eingebracht, sodass sich das Spektrum erweitert hat.

Wichtig für das Gesamtbild sind die Verweise auf Heftis frühe Aktivitäten mit der Band Taxi Val Mentek (1983-2011, zusammen mit Dominik Scherrer), die mit Musik-, Video und Performance auftrat. In der Ausstellung ist sie mit einer Installation präsent und vertieft so das Bild des Künstlers. Die Epoche von Hefti als Modedesigner ist ausgeklammert. Bleibt die Frage nach dem Titel: «The Missing Cat». Ein speziell für die Ausstellung entworfener «Läufer» zeigt Katzen (auch in Keramik!), aber der Titel gilt wohl eher der Lebensweise der Katze, die gerne kuschelt, aber auch Jägerin ist und Hefti vielleicht als eine Art Sinnbild seiner selbst erscheint.

 

Auch die Ausstellung WAS SICH ALS NATUR ZEIGT der in Basel lebenden Solothurner Künstlerin Luzia Hürzeler (*1976) und ihren Gästen im Kunstmuseum Solothurn (bis 4. Okt.) stellt die Frage nach der Grenze des Kunstbegriffs. Aber ganz anders. Spätestens seit der Einführung des Studiengangs «Kunst und Forschung»  an den Kunsthochschulen fällt auf, dass zahlreiche Kunstschaffende auftauchen, die ihr künstlerisches Schaffen als Forschung begreifen.

Als Luzia Hürzeler ihre Forschung zum Thema Mensch und Tier mit Selbstversuchen (Ich als Fisch, Ich als Wolf etc.) in Szene setzte, war es einfach, die Arbeiten in den Kunstkontext zu integrieren. Ihr Weg führte sie in der Folge aber mehr und mehr in die wissenschaftliche Erforschung der Lebensräume von Wolf und – in der aktuellen Ausstellung im Fokus – des Gorillas von seiner Entdeckung im Rahmen von Kolonial-Exkursionen bis zu heutigen Schutzbestrebungen.

Obwohl als multimediale Installation raumgreifend aufgefächert, wird es nun zunehmend schwieriger eine Übersetzung ihrer Forschung in künstlerischen Ausdruck zu spüren.

In der von früheren Ausstellungen bekannten Installation mit Leuchtkästen, die auf der einen Seite einen museal präparierten Wolf zeigen und auf der Rückseite den Ort wo er getötet wurde, wird durch das Hinzufügen von Video-Interviews mit Fachleuten zu Aspekten der Wolfsforschung und -politik das emotionale Moment, das die Vitrinen in sich tragen, objektiviert, was zur Folge hat, dass das Empfinden künstlerischer Gestaltung schwieriger wird.

Summa summarum: Eine Gratwanderung.

Die Ausstellung ist mehr als eine Luzia Hürzeler-Ausstellung; sie ist ebensosehr eine thematische Schau mit dem Titel «Was sich als Natur zeigt». Diese könnte auch in einem naturhistorischen Museum stattfinden. Tatsächlich hatte ja das Kunstmuseum Solothurn einst eine Kunst- UND eine naturhistorische Abteilung. Daran erinnert insbesondere die Installation «Die Ordnung der Vögel», auch wenn die Etagère mit den Präparaten kleiner Vögel konkret vom kürzlich erfolgten Umzug der Gefiederten in ein neues Depot erzählt.

Im Übrigen tauchen im thematischen Teil Bilder auf, welche in verschiedener Art auf naturhistorische Museen verweisen, allen voran die Werke von Jürg Kreienbühl (1932 – 2007), der ab 1965 jahrelang in dem wegen Baufälligkeit geschlossenen «Jardin des Plantes» in Paris Skelette und vieles mehr malte. Das Aargauer Kunsthaus zeigte sie unter Heiny Widmer zu zweien Malen in grossen (unvergessenen!) Ausstellungen.

Gefreut habe ich mich auch über das Wiedersehen mit den «Hiboux» von Marie-José Burki  – eine Installation, in der sich eine ausgestopfte Eule und das Video einer lebenden Eule als Vis-à-Vis begegnen.

Ikonen sind zudem Balthasar Burkhards überdimensionierte Fotografien (gedruckt auf Leinwand) eines Kamels und eines Pferdes (um 1995), die den Tieren eine körperliche Präsenz voller Würde und Schönheit geben.

 

In eine völlig andere Welt taucht man im Kunstmuseum Basel/Gegenwart, wo eine viel Zeit fordernde Schau das fotografische respektive filmische  respektive von Internet-Plattformen auf Video transferierte Schaffen der 1978 in Guangzhou  im Südosten Chinas geborenen Künstlerin CAO FEI zeigt. Eine grossartige Ausstellung! Und dies aus mehreren Gründen: Cao Fei weilte zwar in vielen Städten der Welt, doch sie studierte ausschliesslich in China, lebt mehrheitlich da und arbeitet aus ihren Lebenswelten und -beobachtungen vor Ort heraus. Sie hat zwar inzwischen Ausstellungen in der ganzen Welt bis hin zum Moma PS 1, doch sie ist künstlerisch betrachtet keine Global Playerin und keine China-Kritikerin wie Ai Wei Wei. Das macht ihr Schaffen sehr viel authentischer in Bezug auf China und dies ohne auch nur eine Spur von gelenkter Konformität auszustrahlen.

So beginnt die Ausstellung mit einer ebenso in Guangzhou wie in Shanghai, Hongkong oder Sydney gedrehten Reihe von Video-Clips, die Menschen zeigen, die – mitten in ihrem Alltag – kurze Hip Hop Sequenzen für die Kamera der Künstlerin tanzen – seien es Passanten mitten auf der Strasse, eine Krankenschwester in einem Spitalkorridor oder gar der Aufseher in einem öffentlichen Park. Sie sagt (für uns wohl erstaunlicherweise) die «Neuinterpretation afroamerikanischer Kultur in Chinas Strassen» habe sie in jungen Jahren geprägt. Dies ebenso wie die in China sehr früh einsetzende Präsenz digitaler Spielplattformen als faszinierende Parallelwelten. Das daraus entstandene Kapitel der «Cosplayers»  (2004) gehört  für mich zu den Highlights der  sich über drei Stockwerke erstreckende Ausstellung.  Siehe Foto links. Einem Freilichttheater gleich flitzen die nun physischen Game-Figuren durch unbewohnte Stadtviertel, verweilen in Freizeitparks, bekämpfen sich in Schutthalden usw. Aus der digitalen Welt kehrten sie zurück in die physische und als Film und oder Fotografie in die Ausstellung.

Erstmals wahrgenommen habe ich Cia Fei anlässlich von «Utopics» der Schweizerischen Plastikausstellung in Biel 2009, wo sie auf einem riesigen Bauplakat  am Holunderweg die Pläne für die auf der Plattform «Second Life» entwickelte «RMB City»  (2007-2011) zeigte, eine virtuelle Metropole zwischen physischer Realität und der Utopie einer besseren, friedlicheren Lebenswelt im virtuellen Raum. Längst gibt es diese Plattform nicht mehr, doch in Basel ist ihre Geschichte im Sektor «Büro» ausführlich dokumentiert und visualisiert. Nicht verpassen sollte man daselbst  das berührende, surreal-absurde Video «Rumba II: Nomad» von 2015, in dem künstliche Hühner auf Roboterstaubsaugern umherfahren, um den Staub der abgerissenen Häuser/Quartiere einzusaugen.

In der Folge realisierte Ciao Fei eine Reihe von Filmen, die Visionen prosperierender Handelsplätze, des Vordringens in den Weltraum und mehr zum Thema haben, sich aber allesamt als Luftschlösser erwiesen. Im Zentrum steht dabei weniger System-Kritik als vielmehr das Schicksal der Involvierten.

Diese Anteilnahme am Menschen, an den Lebensbedingungen einer mehr und mehr automatisierten Welt, kenntzeichnet auch das Kapitel «The Factories», das drei Videofilme beinhaltet. Zum einen «Whose Utopia», der in Zusammenarbeit mit den Angestellten der Glühbirnenfabrik Osram entstand und in einer letztlich poetischen Erzählung die Fabrikarbeiter*innen zeigt wie sie den langweiligen Alltag überwinden und in und mit den Fliessbändern zu  tanzen beginnen. Dann aber auch – 12 Jahre später – «Asia one», der im  ersten vollständig automatisierten Verteilzentrum Chinas spielt und zwei  Aufsichts-Personen und einen Roboter zeigt, die gelangweilt und ohne eigentliche Funktion in dieser Arbeitswelt ihre  Lebensfreude verlieren.  Siehe Foto links. Hier ist der Titel der Ausstellung «Testemonies to the near future» in beängstigender Form umgesetzt, während – als Gegenpol –  in «Playground» eine Art digitales Metaversum entworfen wird, in dem sich Avatare  (und die Ausstellungs-besuchenden, so sie denn Lust haben) in einem Meer von kleinen Bällen vergnügen und vielleicht davon träumen mit dem neu entwickelten Avatar der Künstlerin, dem OZ – einem virtuellen Wesen mit Flügeln zwischen organischer und technologischer Form –  durch die digitale Parallelwelt zu fliegen.

 

 

ICH BEHAUPTE: Winterthur ist DIE Kunststadt der Schweiz. Das Kunstmuseum mit seinen drei Häusern beim Stadthaus, am Stadtgarten und in der Villa Flora sind längst nicht alles, da ist auch die Sammlung Oskar Reinhart am Römherholz mit seinen Altmeistern, dazu die Kunsthalle, dann das Fotomuseum und die Fotostiftung und auch das Gewerbemuseum zeigt immer wieder interessante Kunstausstellungen. Überdies hat Winterthur in den letzten Jahren viel in seine Kunsthäuser investiert. Das Haus am Römerholz wurde vor einiger Zeit renoviert, ebenso das Fotomuseum; die Villa Flora ging eben erst wieder auf, das Kunstmuseum und die Kunsthalle sind «in restauro». Das ist beeindruckend und vielleicht immer noch ein Erbe der «goldenen Jahre» um 1910/20, die sich nicht zuletzt in den hervorragenden, kunstgeschichtlichen Sammlungen manifestieren.

Mich interessierte aktuell die Ausstellung, die in den aktuell bespielbaren Räumen des Kunstmuseums zu sehen ist: HEIDI BUCHER im Dialog mit LIESL RAFF. Erst vor Ort realisierte ich wie vielschichtig diese Wahl angelegt ist. Man kann sagen, dass eine Renovation immer auch eine Art «Häutung» ist und schon ist man im Fokus des Werkes von Heidi Bucher. Klar dass der Noch-Direktor (bis Ende 2026) Konrad Bittlerli nicht die Schau im Kunstmuseum Bern im Kleinformat wiederholen wollte.

Tatsächlich war meine Überraschung in Bern, dass Heidi Bucher – damals noch Heidi Müller – ursprünglich Modezeichnerin war. Das davon beeinflusste Frühwerk war bisher ein weisser Fleck. Partiell füllt die Winterthurer Ausstellung nun diese Lücke, kombiniert sie aber raffiniert mit einer ortsspezifischen Inszenierung der österreichischen Künstlerin Liesl Raff (*1979), die bekannt ist für ihre materialsensitiven Raum und Architektur-Interpretationen. Sie nimmt u.a. das für Heidi Bucher massgebende «Latex» auf und schafft damit den bestehenden Museums-Wänden entlang eine neue, konstruktiv aufgebaute «Haut», ergänzt sie durch Farbe, lässt Fenster durchschimmern und schafft so Verbindungen zu dem sich gerade «häutenden» Haus und Heidi Bucher. Alte Filme von 1981 zeigen als wunderbare Erinnerungen wie performativ damals die Wohnraum-Häutungen Heidi Buchers über die Bühne gingen.

Irritiert hat mich zunächst, dass die Räume in den der Ausstellung dienenden Kabinetten mit als «Tanzboden» bezeichneten, zerstückelten schwarzen Gummi-Folien ausgelegt sind (Achtung: Nicht stolpern!).  Normalerweise dienen sie dazu, dass Tänzerinnen nicht ausrutschen. Doch dann wurde mir klar, dass damit die Basis für das tänzerische Element, das insbesondere das Frühwerk von Heidi Bucher kennzeichnet, betont wird. Kaum eine Zeichnung/ein Aquarell aus den 1950er-Jahren, das nicht Bewegung ausdrückt. Und auch die sehr schönen Frottagen von 1979 (St. Paul de Vence), die Kleid und Figur mit Leinöl und Perlmutt in ein semi-transparentes, kostbar wirkendes Dazwischen verweisen, beinhalten dieses niemals Stillstehen. Liesl Raff betont das halb Durchscheinende durch eine Epoxy/Glasfaser-Platte als Hintergrund und die klare Form des Bildrahmens mit Stahlträgern links und rechts, die jeder Frottage ihren eigenen Raum, ihr eigenes Fenster geben.

Wird der Begriff «klein aber fein» oftmals nonchalant verwendet, so trifft er hier genau auf das, was die Ausstellung auszeichnet.