1. Newsletter VIII 2026

OLAF BREUNING *1970 SCHAFFHAUSEN – LEBT UPSTATE NEW YORK: „GENERATION“, GROSSFORMATIGE FOTOGRAFIE, 2024. Foto: azw

Ich beginne diesen Newsletter mit etwas, das mich umtreibt. SHIRANA SHABAZZI  (*1974 in Teheran) hat im Kunstmuseum Luzern eine beeindruckende Ausstellung mit dem Titel «All At Once» eingerichtet, wobei sich das «beeindruckend» auch auf das Zusammenspiel mit Li Tavor bezieht. Kuratorin Fanny Fetzer betonte an der PK, dass Shabazzi in allen fotografischen Arbeiten ausschliesslich analog arbeite. Was bedeutet das? Kann ich den Unterschied zu digitalen Aufnahmen sehen? Shabazzi hat ihre Foto-Ausbildung 1997 – 2000 an der Zürcher Schule für Gestaltung und Kunst (heute ZHdK) absolviert; das war just die Zeit als die analoge Fotografie in den Kunst-Kanon aufgenommen wurde und rasant an Bedeutung gewann. Dem ist sie bei aller Vielfalt an Vorgehensweisen treu geblieben. Was ist es, das da mitspielt und wie zeigt es sich? – Ich denke am intensivsten ist es in der neuen Serie «Falling» zu spüren. Als Mutter einer angehenden Synchron-Schwimmerin verbrachte Shabazzi viel Zeit in Hallenbädern; von daher die Idee Unterwasser-Tanz-Performances zu realisieren. Vision und Zeitpunkt der Aufnahme zusammenzubringen erforderte viel Konzentration, ebenso die Weiterführung mittels Mehrfachbelichtung zu einem verdichteten, wasserspezifischen Moment multipler Bewegung. Betrachte ich die monumentalen, als Lithographien im Format 180 x 140 cm gedruckten Werke mit derselben Konzentration gelingt es (vielleicht) eins zu werden mit dem Bild und das ist die möglicherweise nur analog und nicht als Treffer aus einer Flut digitaler Aufnahmen zu erreichende Qualität.

Die Ausstellung heisst nicht vergebens «All at Once», denn sie zeigt das ganze Spektrum an Themen Shabazzis, das ebenso die reportageähnlichen Schwarz-Weiss-Aufnahmen aus Teheran (2016) beinhaltet wie die ganz auf die Wirkung von Farbe ausgerichteten abstrakt-geometrischen, auf Aluminium oder Glas gedruckten Bildkompositionen oder auch thematische Serien wie z.B . „Wasser“ (Bild). Gerade in der Luzerner Inszenierung ist das Eintauchen der Räume in Farbe ein wesentliches atmosphärisches Moment, das einem als Besuchende trägt (oder wage ich es zu sagen «beglückt»). Wobei die Wirkung durch die monochromen Latexbahnen von Li Tavor (*1983 Zürich)  eindeutig verstärkt wird, da sie ein sinnliches, physisches Moment hinzufügen.  (Wer hält es aus sie nicht ganz kurz mit den Fingern zu ertasten?)

 

GILL PELLATION (*1982 Biel/Bienne) bespielt heuer die  Abbatiale de Bellelay, wo seit vielen Jahren grossräumige und vielfach hervorragende Installationen gezeigt werden (erinnert sei an die «Achterbahn» von Renate Lorenz/Pauline Boudry 2025). Seit einiger Zeit gilt indes, dass abwechselnd im einen Jahr die Musik, im anderen die Kunst im Zentrum steht. So kommt es nicht von ungefähr, dass sich die Ausstellung von Gil Pellation dem Rand entlang bewegt, wobei das dem sehr zurückhaltenden Künstler durchaus entspricht.

Anfänglich mag man etwas irritiert sein – was soll eine Theke mit Kunst- und Tourismus-Informationen und eine zweite mit historischen Verweisen zur Region als Einstieg?  Die Schmetterlingstafeln sind funktionell, weisen aber bereits weiter auf die kommende Reise der Transformation. Eine vielteilige Wand wirkt wie ein Vorhang, der sich langsam hebt. Zwei Stuhlobjekte deuten auf einen Wandel des Gewohnten. Ein Video mit endlos aufgetürmten Kaffeetassen, die sich als Loop nach oben bewegen markieren den Einstieg in die sich langsam lüftende Anderswelt. Von weit oben formt sich ein fein geschliffenes hölzernes «Seil» erneut den Weg nach unten. Man ist nun mehr und mehr in der Nähe des Chors mit dem sphärischen, eine barocke «Himmelfahrt» darstellenden Wandbild.

 

Doch noch einmal gibt es Widerstand, denn man muss zuerst die Rückseiten der behelfsmässig konstruierten Bildkästen umrunden bis der Künstler uns Einsicht ins «Heiligtum» gewährt: 5 grossformartige, quadratische Bilder mit relativ pastos gemalten, abstrakten Mikrowelten, in denen kleine Zellen auf das wundersame Werden des Lebens verweisen.

 

 

 

Pellaton ist in vorangegangenen Ausstellungen vor allem durch Objekte in ungewöhnlichen, oft textilen, zuweilen mit oifaktorischen Elementen angereicherten Materialien aufgefallen, z.B. in der Manor-Preisausstellung im Kunsthaus Biel 2022. Wer den Künstler freilich seit den 1990ern kennt, erinnert sich aber sehr wohl dass es auch malerische Kapitel in seinem Kunstschaffen gab, die hier nun wiederkehren.

 

 

 

OLAF BREUNING (*1970) gehört zu den wenigen Schweizer Kunstmarkt-Stars. Seit 25 Jahren in New York, resp. in einem kleinen Dorf Upstate NY lebend, stellt er seine Werke weltweit aus. Seine Jugend verbrachte er allerdings in Schaffhausen, gleichzeitig wie sein Freund Yves Netzhammer, mit dem er sogar zeitweise eine WG bildete. Nachdem Netzhammer vor einigen Jahren eine grosse Einzelausstellung im Museum Allerheiligen zeigte, ist es folgerichtig, dass das Museum nun auch Olaf Breuning eine exakt gleich grosse Einzelausstellung ausrichtet.

Das Interessante ist, dass es im Schaffen beider Künstler ein klar definierbares Schaffhauser Moment gibt. Bei Netzhammer ist es der «Knorrli», der als bewegliche Gliederpuppe einst von Thayngen aus die Schweizer Haushalte eroberte (Stichwort: «Aromat»). Bei Olaf Breuning ist es – dies ist es eine Behauptung meinerseits – das «Kesslerloch», das vor vielleicht 50’000 Jahren von Neandertalern bewohnt war.

Die in einem dunklen Kabinett nachgebildete Szenerie desselben im Museum Allerheiligen war für Generationen von Schaffhauser Kindern ein prägendes Jugenderlebnis (die Schreibende eingeschlossen!). Von da ist es nicht weit zu Olaf Breunings zahlreichen, nun lustvoll in Horror-Szenarien umgemünzten Figuren, die ihn weltweit bekannt gemacht haben.

In der aktuellen Ausstellung erinnert die audio-visuelle Installation im Kabinett daran. Sie zeigt an der Rückwand eine urgeschichtliche Schmiedewerkstatt  (jene von  Heiphaistos, der für die griechischen Götter Waffen schmiedete?) als Video und davor ein Gestänge mit einem Handy, in dem – ebenfalls in einem Video – der Künstler als «Ritter der traurigen Gestalt» zu sehen ist, der mit emotionalem Timbre den AI-Song «What sould I do? I am just a simple human» singt. Eine ziemlich larmoyante Installation, die man aber leicht in eine fiktionale Neandertalerhöhle versetzen kann.

Dieses «simpel» aus dem Song gilt für viele Werke von Breuning  – für meinen Geschmack etwas zu viel. So sind z.B. auch die kleinen Zeichnungen, die als Fries im Hauptraum hängen zwar nett und vor allem auf den ersten Blick verständlich, aber eben auch gar «simpel». So etwa wenn ein Ruderboot einen Wasserfall mit bösen Augen hinunterstürzt und die Zeichnung «Dangerous Waters» heisst und ganz offensichtlich auf den nahen Rheinfall anspielt, wo solches tatsächlich schon passiert ist. Bild (Ausschnitt).

Die zentrale Arbeit im grossen Saal zeigt auf einem Sockel einen bronzenen Affen, der einen kleinen goldenen Stift in den Händen hält, der das Ende einer langen blauen Schnur markiert und auf die Länge der Menschheitsgeschichte in Relation zum Homo sapiens verweist. Dieselbe Arbeit ist auch als Beitrag zu «ArtMôtiers» auf dem weiträumigen Hoch-Plateau zu sehen, wo sie inmitten von Natur eindrücklicher eingebettet ist.

Retrospektiv angelegt ist die Auswahl an grossformatigen Fotografien, die skurrile, oft surreale und zuweilen träfe Inszenierungen zeigen und zu den bekanntesten Werken Breunings gehören. Sehr gut gefällt mir hier eine Aufnahme von 2024 mit dem Titel «Generation», die das Menschenleben in acht Stationen unterteilt. Siehe Bild oben! Ich vermute die Statisten sind «Simple Humans» aus dem 2000-Seelen-Dorf Kerhonkson, wo Breuning lebt, was die Fotografie doppelt sympathisch machen würde. Es ist hier und in anderen neueren Werken spürbar, dass auch Breuning älter geworden ist (aktuell 56 Jahre) und es zwar immer noch «in einfacher Sprache» mag, aber nicht mehr allzu kindlich-trivial.

Das zeigt auch die neueste – erst in Schaffhausen zusammengebaute – Skulptur «Out of Balance», die eine Vielzahl von «Ritter» (respektive Rüstungen) zeigt, die wie einst im 30jährigen Krieg ineinander verkeilt sind, nun aber nicht mehr hoch zu Ross auf dem Schlachtfeld, sondern mit Rollschuhen an den Füssen. Absurd, aber gekonnt mehrdeutig. Dass sie uns hier in der Schweiz auf den ersten Blick an die «Degenfechter»-Animation von André Aerschmann erinnern, tut der Skulptur keinen Abbruch.

 

 

 

Etwas ganz anderes: «LABOURING BODIES» im Museum Tinguely in Basel. Es handelt sich um eine thematische Ausstellung, die den Fokus auf das Verhältnis von Frau und Maschine in Fotografie und Kunst von der Industrialisierung bis in die Gegenwart richtet. Auch wer sich mit dem feministischen Politstil von Sandra Reimann (Kuratorin am Tinguely-Museum) nicht 1:1 identifizieren mag, findet in den 36 internationalen Positionen Erstaunliches, vielleicht nie zuvor so Gedachtes. Das thematische Spektrum reicht von der Frau als Gebärende über Frauen am Herd,  Frauen in der Fabrik, Frauen als Schreibkräfte und vieles mehr. Da ist aber auch eine überkandidelte Kinderstube, die heutiges Mütterverhalten auf die Schippe nimmt.

Der Bezug zum Tinguely-Museum ist leicht herzustellen, gewähren doch auch die begehbaren «Nanas» von Niki de St. Phalle Eintritt in weibliche Gebärzentren, ohne dass man sich dessen in seiner Tragweite bewusst wäre.

Beeindruckt hat mich u.a. das Bild «Marie schwanger» (1989) der DDR-Künstlerin Doris Ziegler (*1949 in Weimar), welches auf die Erwartung des Sozialismus hinweist, dass die Frau zugleich für den Nachwuchs des Volkes sorgt wie ihren Beitrag an die Industrieproduktion leistet. Statt die Polit-Propaganda zu spiegeln, weist sie mit dem dunklen Ambiente auf die sozialistische Realität. – Bewusst wurde mir in der Ausstellung auch das enge Verhältnis zwischen Frau und Schreibmaschine. Eigentlich unglaublich wie lange die Männer gar nicht auf einer Schreibmaschine schreiben konnten, sondern ihre Briefe diktierten, auf dass die Sekretärinnen sie tippten und dem Chef zur Unterschrift bereit legten…

Die Ausstellung zeigt dies einerseits anhand von Dokumentarfotografien ganzer Säle mit Dactylos in einem Telegraphenamt, andererseits mit einer künstlerisch übersetzten Arbeit von Rebecca Horn, welche das mechanische Schreiben direkt hörbar macht.

ist der Film den Alexandra Navratil (*1978 Zürich) 2016 mit einer ehemaligen Arbeiterin in der 1990 stillgelegten Rohfilm-Werkstätte von Agfa in Sachsen-Anhalt gedreht hat. Der Titel «The Night Side» weist darauf hin, dass die Heerscharen von Frauen in der Produktion (60% der Belegschaft) im Dunkeln arbeiten mussten. Andererseits zeigen die sorgsam über Teile der alten Maschinen fahrenden Hände der alten Frau auch eine, vielleicht Wehmut ausdrückende emotionale Seite.

Eher fragwürdig erscheint mir das multimediale Objekt von Tabita Rezaire  (*1989 Französisch Guyana), die einen pinkfarbenen Gynäkologie-Stuhl in Kombination mit einem himmelblauen Video zeigt, das einst versklavte und von der Medizin missbrauchte Frauen von ihrem Trauma heilen soll.

Summa summarum bleibt aber die Erinnerung an ein bisher wohl nie thematisch aufgearbeitetes Gesellschaftskapitel, das zu sehen sich lohnt (bis 8. Nov.)

Und zu guter Letzt: JOHN ARMLEDER (*1948 Genf) im KBCB (Kunsthaus Biel/Centre d’art Bienne). Es ist eine erstaunliche, den Grand Seigneur der Schweizer Kunst als nonstop Skizzierenden, Zeichnenden zeigenden und dies von den 1960er-Jahren an bis heute. Wer die üppig-malerische «Grande Decoration» mit den glitzernden Grossformaten an der Art Unlimited 2026 sah, wird Vergleichbares in Biel vielleicht vermissen. Auch Kleiderhaufen oder Möbel-Skulpturen sind da keine. Kurator Paul Bernard zielte viel mehr auf John Armleder vor oder hinter John Armleder, dahin, wo der Fluxus-Künstler einst seine Prägungen erfuhr, wo ihm das Fluide, das Transformatorische zur Maxime wurde, verbunden mit einem grosszügigen Sinn für die Künstlergemeinschaft als Kollektiv.

Meine prägende Erinnerung an Armleder geht zurück in die 1980er-Jahre als die Art Basel noch eine internationale Kunstmesse mit direktem Bezug zur Schweiz war. Da stand Armleder Jahr für Jahr in einer ihm von der Messeleitung zugeteilten Ecke mit wenigen Bildern der Genfer Neo-Geo «Groupe Ecart» an der Wand und warb für deren national-internationale Präsenz, ihre Wahrnehmung im Kunstmarkt-Betrieb. Armleder war immer auch Kunstförderer (er war zeitweise auch Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission). Allerdings eher als «Magier», denn als handfest Umsetzender. Armleder war und ist immer mehr «Designer» denn ausführender Künstler im Overall in der Werkstatt. Das war zweifellos auch in Biel so – er schuf das Konzept, definierte die Szenerie, die Umsetzung delegierte er aber soweit wie möglich an die Crew des Museums sowie persönlichen Mitarbeitenden (!)

Die Ausstellung setzt ein mit einer treppenartig changierenden Leuchtwand, die als feste Installation vor Ort bleiben wird. Sie macht klar: Hier geht es zu einer Ausstellung mit Leuchtkraft. Dann aber folgen in der Galerie drei grosse rote Teppichrollen, die der Künstler einst aus dem «skandalösen» Papst-Projekt seines Freundes Mauricio Cattelan übernahm; Fluxus getreu nun aber mit transformierter, offener Interpretation im Sinne des Ausstellungstitels: «Le Fantôme de la chance», das ich am liebsten als Trugschluss, das einem jemand den roten Teppich ausrollt, interpretiere.

Die Konstellation zeigt auch, dass Armleders Werk sehr viel mehr Bezüge zu persönlichen, intellektuellen, aber auch persönlichen und alltäglichen Beobachtungen und Erlebnissen hat als auf den ersten Blick erkennbar.

Was z.B. wie eine fröhliche Balance-Objektinstallation wirkt, gar an Charlie Chaplin erinnert, weist mit dem Titel «Saint-Antoine» auf eine andere Ebene, entstand die Arbeit doch mit Bezug auf die Monate, die Armleder als 20jähriger wegen Dienstverweigerung im Gefängnis verbrachte, standhaft wie der Heilige Antonius seiner Überzeugung treu bleibend.

Die Erinnerung an die Ausstellung wird als Ganzes sehr stark von der Inszenierung geprägt. Jeder Raum hat durch eine spezielle Wandgestaltung seine eigene Ambiance und gewinnt dadurch eine Immersive Komponente, will heissen man fühlt sich mitten drin. Am eindrücklichsten ist dies im Raum, der mit einer Tapete mit silbernen Blässhuhn-Füssen als Ornament bedruckt ist; vielleicht eine Hommage an den Bielersee. Charaktergebend sind aber ebenso die Stützen, wie man sie vom Bau her kennt, an denen einzeln Rahmen mit Zeichnungen befestigt sind. Hier sieht man u.a. staunend, dass Armleder in den 1960er-Jahren nicht nur von Fluxus, sondern auch von Paul Klee beeinflusst war. Raum-Phantasie-Erzählung mögen ihn – wie viele damals! – fasziniert haben.

Die Ausstellung ist reich, fast eine Retrospektive – man muss sie gesehen haben!

Vieles, was ich auch noch gesehen habe, blieb diesmal auf der Strecke oder kommt nächstes Mal, u.a. die Ausstellung von Ciao Fei im Museum Gegenwart des Kunstmuseums Basel: Ein Must!